Xi’an – die Stadt, in der nicht Ingenieure U-Bahnen bauen… sondern Archäologen!

Mein Traineeprogramm führte mich für sechs Monate nach China. Mit einem von Hollywood geprägten Bild flog ich also gen Osten – und bin bis heute begeistert.

Mein Auslandseinsatz brachte mich nach Shanghai und nach Xi’an, aber Xi’an schlich sich sehr schnell in mein Herz. Shanghai ist eine grosse internationale Stadt, in der sich die Abteilung Industrial Automation Process Industries (IAPI) mit der High-Power-Rectifier-Fabrik (HPR), zu Deutsch «Hochleistungsgleichrichter-Fabrik», befindet. Xi’an hingegen ist weniger international. Nördlich der Qin-Ling Berge wurde Xi’an zu meinem neuen Zuhause, das ich bereits vermisse.

In Xi’an heisst es: «Ingenieure bauen nicht die U-Bahn, Archäologen schon!» Sie ist eine historisch gesehen die wichtigste Stadt Chinas, in der Archäologen zuerst jede mögliche Baustelle inspizieren, bevor der Bau fortgesetzt werden darf. Aufgrund vieler vergrabener Artefakte konnte Xi’an nur 4 U-Bahn-Linien in der Zeit bauen, in der Peking 17 Linien bauen konnte. Sie ist der Beginn der legendären Silk Road und war Hauptstadt der wichtigsten Dynastien der chinesischen Geschichte. Heute ist sie nur noch die Hauptstadt der Provinz Shaanxi, Heimat der berühmten Terrakotta-Armee – und für mich des besten Essens in ganz China!

Das Leben in Xi’an!

Bis zu diesem Jahr hatte ich noch nie chinesisches Essen probiert, aber vielleicht war es auch besser so, direkt mit dem Original zu beginnen. Xi’an ist bekannt für seine Nudeln in unterschiedlichster Ausführung: lang, kurz, dick, dünn, heiss oder kalt… sogar Spinatnudeln gibt es, die schnell zu meinen Favoriten wurden. Die Essenscheckliste in Xi’an muss ausserdem unbedingt Ròu jiā mó, Yángròu pào mó und Fleischspiesse aus Strassenlokalen enthalten.

Von links nach rechts: Die Terrakotta-Armee wurde um 210-209 v. Chr. begraben und 1974 entdeckt. Der berühmte Glockenturm von Xi’an, der historisch für die Mitteilung der Uhrzeit und Neuigkeiten genutzt wurde.

Xi’an ist umgeben von einer 14 Kilometer langen Mauer, auf der man an den Wochenenden Joggen oder Radfahren kann. Zusätzlich gibt es auch den berühmten Südabschnitt der Mauer, wo es verschiedene Pubs mit Live-Musik gibt. Die Stadt und ihre Mauer sind immer schön beleuchtet, fast jedes Gebäude ist sehenswürdig. Am Abend geht es darum, draussen zu sein und die frische Luft zu geniessen. Es wird getanzt, musiziert oder einfach nur Schach gespielt. Besonders werde ich die belebten Strassen nachts vermissen, in denen ich auf dem Nachhauseweg von fremden Leuten zum Mittanzen eingeladen wurde.

Von links nach rechts: Radeln um und auf der Stadtmauer mit Agurtzane, einem schwedischen Trainee, der ebenfalls in Xi’an stationiert war. Wandern mit Freunden im Tai Ping National Forest Park, Qin-Ling Mountains.

Ein Arbeitstag in Xi’an

Meine Aufgabe war der Verkauf und das Marketing innerhalb des internationalen IAPI-Teams für Hochleistungsgleichrichter. Die Mission beinhaltete, unsere Position in Südostasien zu stärken. Im Rahmen von Geschäftsreisen hatte ich dann auch die Möglichkeit, unsere ABB-Büros, IAPI-Kollegen und Kunden in Japan, Südkorea, Taiwan und Indonesien zu besuchen.

Mein Tag begann um 6 Uhr morgens, nicht weil ich ins Büro musste, sondern weil das Chinesischlernen Priorität hatte. Gegen 8 Uhr morgens begann schliesslich meine tägliche Anreise ins Büro, zuerst mit dem Fahrrad zum Bahnhof und dann mit der U-Bahn, die mich in den Norden von Xi’an brachte.

Das Büro in Xi’an kommt mit einer einfachen Einrichtung zurecht. Es gibt wenige Bildschirme, keine Farbdrucker oder Stehtische. Dies hindert unsere Kollegen in China aber nicht daran, jeden Tag mit einer sehr positiven Einstellung zu arbeiten.

ABB Büro- und Kondensatorenfabrik in Xi’an.

ABB als eigene kleine Familie weltweit

Mein Team war grossartig und ich würde sofort wieder zurückkehren, um mit ihnen arbeiten zu dürfen. Einer meiner Lieblingsmomente war immer morgens im Büro, wenn ich mit breitem Lächeln und «Zǎoshang hǎo» begrüsst wurde! (Guten Morgen auf Chinesisch). Das Büroleben ist zudem flexibler und nicht so termingebunden wie in der Schweiz. Spontane Absprachen am Schreibtisch oder in Besprechungsräumen kamen häufiger vor und oft fühlte es sich viel effizienter an.

Von links nach rechts: Ein typisches Mittagessen, hier bereiten wir Yángròu pào mó vor. Kundenbesuch in Indonesien mit der weltbesten Kollegin Xiaoxiao Ni (倪潇潇).

Zum Mittagessen gingen wir normalerweise in die Stadt. Ich liebte das, denn mein Team bemühte sich immer, mich etwas Neues aus der chinesischen Küche ausprobieren zu lassen. Dabei diskutierten wir auch oft über meinen chinesischen Namen, da dieser für das Geschäft in China notwendig ist. Schliesslich einigten wir uns: In China heisse ich 安凯文 😊.

ABB ist auf der ganzen Welt wie eine kleine Familie. Überall wird es ABB-Kollegen geben, die einen sicher in Empfang nehmen und dafür sorgen, dass man sich wohlfühlt. Sogar die Trainee-Community ist weltweit ziemlich verstreut: Ich lernte schwedische Trainees in China kennen, traf meinen Göttibub in Japan wieder und begegnete Schweizer Ex-Trainees auf einer Geschäftsreise in Taiwan.

Von links nach rechts: Mein ABB Göttibub Maxim, der damals für ABB Japan arbeitete, und ich. Treffen mit Tobias Stadler, Schweizer Ex-Trainee, der jetzt in Taiwan arbeitet.

Ein Experiment: Das Leben auf dem Land

China ist fantastisch und hat mich kulturell, historisch, landschaftlich und kulinarisch überrascht. Selbst der Besuch von Menschen an den entlegensten Orten wird mir immer in Erinnerung bleiben. Auf einer Reise von Shanghai nach Peking besuchte ich aus Neugierde ein Dorf am Weishan Lake, welches ich mit geschlossenen Augen auf der Landkarte ausgewählt hatte. Ich wollte das Leben auf dem Land erleben. Tatsächlich war absolut nichts los und den Reaktionen nach zu urteilen, verirrt sich wohl selten ein Ausländer dorthin. Trotzdem nahm mich eine Familie auf eine Bootsrundfahrt mit, als sie auf dem Weg zum Angeln waren. Im Anschluss assen wir den selbst geangelten Fisch bei ihnen zu Hause zum Abendessen. Ich habe die Chinesen als sehr unkompliziert erlebt, was mich an meine Heimat Südafrika erinnert hat.

Das Traineeprogramm bei ABB war ein Highlight für mich und ich möchte mich herzlichst bei jeder Person bedanken, die mich unterstützt hat. Es gibt so viel zu erzählen, aber ich kann einfach nicht alles in einem einzigen Blogeintrag zusammenfassen. Falls ihr mehr über China erfahren wollt, zögert bitte nicht mich zu kontaktieren!

再见! «Zàijiàn» (Auf Wiedersehen in Chinesisch)

P.S. Noch einige letzte Eindrücke von China:

Von links nach rechts: Die grosse Mauer von China, Abschnitt Mutianyu (慕田峪). Eine lokale Familienbootsfahrt auf dem Weishan Lake (微山湖). Die Inspiration für den Avatar-Film, Zhangjiajie Nationalpark (张家界市).
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Über den Autor

Kevin Pretorius

Aufgewachsen in Südafrika, absolvierte ich mein Master in Elektrotechnik und Informationstechnik am KIT in Karlsruhe. In meinem Masterstudium spezialisierte ich mich auf digitale Steuerungssysteme und Leistungselektronik für zukünftige Energienetze. Meine Masterarbeit führte mich an die ETH Zürich, bevor ich im Oktober 2017 als Graduate Trainee bei ABB Schweiz einstieg. Nach Abschluss des Traineeprogramms arbeite ich jetzt als Technical Sales Manager für High Power Rectifiers in Industrial Automation Process Industries.
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