Ich komme wieder, keine Frage

Wenn man es anders machen kann, wird es in Japan auch anders gemacht – warum Japan ein eigener Kontinent sein sollte.

Japan erfüllt eigentlich alle Kriterien, um ein eigener Kontinent zu sein. Zum einen würde dies durch Japans Dimensionen gerechtfertigt. Obwohl seit 25 Jahren mehr gesunken als gestiegen, ist Japans Bruttoinlandsprodukt immer noch grösser als das von Afrika. Die Metropolregion Tokio hat sogar so viele Einwohner wie Australien und Ozeanien zusammen. Und von meterhohen Schneewällen, über Sanddünen, Regenwäldern und Hochgebirge bis hin zu tropischen Inselparadiesen, findet man hier auch jede erdenkliche Landschaft. Zum anderen ist Japan an sich einfach etwas ganz Eigenes: Zum Beispiel schliesst man Türen ab, indem man das Schloss vom Türrahmen wegdreht – also genau andersrum als sonst überall auf der Welt. Oder Suppe trinkt man direkt aus der Schüssel und auch das erste Mal Blattsalat mit dem Stäbchen zu essen, fühlt sich einfach seltsam an. Eier werden roh gegessen, manchmal sogar das Huhn. Besonders speziell: Im Kinderwagen sieht man oftmals einen Hund – an der Leine läuft dafür der zahme Kawauso (Flussotter).

Diese Frau führt ihren Hund und ihren Kawauso spazieren. Der Kinderwagen ist zum Ausruhen da, wenn einer der beiden nicht mehr laufen kann. © ABB

Ein typischer Montagmorgen im Land der aufgehenden Sonne

Da dies wahrscheinlich alles sehr abstrakt klingt, versuche ich euch Japan näher zu bringen, indem ich einen typischen Arbeitstag als Change Project Manager bei ABB Japan im Power Grids Business beschreibe.

Mein Sumaho (Smartphone) weckt mich mit einem japanischen Popsong auf. Im Land der aufgehenden Sonne scheint diese bereits seit vier Stunden. Es ist dementsprechend heiss. Ich mache mich frisch in meinem Hightech-Badezimmer, das gespickt ist mit Schaltern und Knöpfen, deren Funktion ich immer noch nicht vollends herausgefunden habe. Nachdem ich die für Japan übliche «Business Professional»-Kleidung angelegt habe (Casual sieht man in Japans Business-Welt kaum), verlasse ich die Wohnung. Tür abschliessen. Tür noch einmal abschliessen, allerdings diesmal in die richtige Richtung.

Mein Fussweg zum Bahnhof führt mich durch Japans grösstes Ausgehviertel Kabukicho. Vergangene Nacht schillerten hier noch die Okama (Drag Queens) im Schein der Leuchtreklame. Jetzt liegen am Strassenrand einige Nachtschwärmer im Delirium – selbstverständlich in Business Professional. Auf dem Weg kaufe ich ein paar Onigiri (gefüllte Reisbällchen) im Konbini (Convenient Store). Der eigentliche Wahnsinn beginnt, wenn man den Bahnhof erreicht. Denn wir reden hier nicht von irgendeinem Bahnhof, sondern von Shinjuku, dem meistgenutzten Bahnhof der Welt. 3,7 Millionen Menschen, mehr als die Einwohnerzahl Berlins, nutzen diesen Bahnhof jeden Tag. Rinnsale aus Menschen vereinen sich schnell zu Sturzbächen wie in Goethes Zauberlehrling. Das Klappern der Absätze von Millionen Schuhen auf dem Steinboden vermengt sich zu einer rauschenden Kakophonie. Mit Stolz kann ich behaupten, mich nicht mehr jeden Tag im Bahnhof, dessen Etagenplan einem Krebsgeschwür nachempfunden sein muss, zu verirren und erreiche so das Gleis. Alle drei Minuten kommt ein Zug an. «Pi mal Daumen» 3000 Leute – selbstverständlich alle im Stil Business Professional – steigen aus; ebenso viele ein. An manchen Tagen ist es so eng, dass das Atmen schwerfällt, weil nicht genug Platz herrscht, um den Brustkorb auszudehnen.

Alltäglicher Pendelverkehr am Bahnhof Shinjuku. Wie im Hintergrund zu erkennen, greift man am besten in den Türrahmen, um sich in den Zug hinein zu hebeln. © ABB

Vom Zielbahnhof sind es drei Gehminuten bis zum Hochglanz-Elfenbeinturm, in dem ABB in Tokio beheimatet ist. Im 22. Stockwerk mit Blick auf den Mount Fuji arbeiten hier – dreimal dürft ihr raten wie gekleidet – alle Geschäftssparten von ABB im gleichen Grossraumbüro.

Meine Arbeit bei ABB in Japan

Meine Hauptaufgabe ist das Vorantreiben von strategischen Projekten auf Businessebene (Power Grids). Konkret bedeutet das mit dem Management regelmässig Massnahmen zu definieren, die entweder helfen sollen, interne Prozesse zu optimieren oder neue Märkte zu penetrieren. Verschiedene Massnahmen – beispielsweise einen Businessplan entwerfen oder einen Workshop über unser neues Marketingmaterial mit dem Sales-Team abhalten – führe ich selbst aus. Darüber hinaus hat mein Assignment eine starke menschliche Komponente: Es liegt an mir zu überlegen, wie unser Personal weitergebildet und motiviert werden kann. Dementsprechend organisiere ich Seminare und Teambuilding-Events. Dabei kommen dann auch schon einmal Pokémon zum Einsatz. Soeben hat mich der Country CFO gefragt, ob ich für sein Finance Team auch ein Team-Event moderieren kann. Die Vernetztheit ist etwas, das ich an meinem gegenwärtigen Assignment sehr schätze.

Blick von der Toilette des ABB Tokio-Büros. Man erkennt Mount Fuji in der Ferne. Ein üblicher Anblick, da man auch im Sommer das Büro selten vor Sonnenuntergang verlässt. © ABB

Unterbrochen wird der Arbeitstag von einem Businesslunch, dessen Vielfalt und Köstlichkeit das – im Vergleich – fade Kantinenessen in der Schweiz bei Weitem übertrifft. Zum Ende des Arbeitstages verabschiedet man sich mit den magischen Worten Otsukaresama desu («Ich bin zu höflichst erschöpft»).

Es ist Feierabend, lasset uns singen

Eine typische Feierabendbeschäftigung ist es, mit Arbeitskollegen zum Karaoke inklusive Nomihodai (all you can drink) zu gehen und mit Otsukaresama deshita («wir waren zu höflichst erschöpft») anzustossen. Viele Lieder kennt man nur im Westen, viele Lieder nur in Japan. Die Schnittmenge bildet: Queen! Dementsprechend bin ich hier auch als Freddy Mercury bekannt. Oder sollte ich besser sagen «Fleddy Melculy»?

Das alles klingt vielleicht anstrengend, aber ich schätze, respektiere und liebe dieses Land in all seinen Facetten. Daher der Titel dieses Blogeintrages.

Mein Papa war durch Zufall geschäftlich zur gleichen Zeit in Japan. © ABB

 

Explorer Trainee Programm von ABB Schweiz
Das Swiss Explorer Trainee Programm fokussiert sich auf die praktische Ausbildung junger Absolventinnen und Absolventen im Ingenieurbereich mit bis zu anderthalb Jahren Berufserfahrung. Während drei «Assignments» à 6 Monaten lernen die Trainees unterschiedliche Bereiche von ABB kennen. Sie gestalten das Programm aktiv selbst mit, in dem sie sich die «Assignments» selbst suchen und somit von Beginn an mitentscheiden, welchen beruflichen Weg sie während, aber auch nach dem Programm, einschlagen. Ziel eines Trainee-Programms ist es, auf eine breite und aufeinander abgestimmte Basis für die anschliessende Festanstellung bei ABB Schweiz hinzuwirken. Mehr Informationen über das Trainee Programm findest Du hier.

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Über den Autor

Maxim Lehnert

Mit meinem Hintergrund als ETH Umwelt- und Energieingenieur habe ich im ABB-Traineeprogramm den idealen Berufseinstieg für mich entdeckt. In meinem ersten Assignment automatisierte und optimierte ich Prozesse im Traction-Service mit Hilfe von RFID-Technologie. Derzeit arbeite ich an strategischen Projekten auf Businessebene für Power Grids Japan. Herausforderungen treiben mich an: Sei es bei ABB Power Grids die Transformation mitzugestalten oder beim Basketball irgendwann den Dunk zu schaffen.
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