Kolumbien – Eindrücke aus einem Land voller Kontraste

Mein Traineeprogramm führte mich für sechs Monate nach Kolumbien – in ein beeindruckend diverses Land mit vielen Überraschungen und Herausforderungen.

Die Lage Kolumbiens am Äquator zwischen Meeresniveau und fast 6000 Höhenmetern ermöglicht die Existenz einer beeindruckenden Vielfalt an Klimazonen, Landschaften, sowie Tier- und Pflanzenarten, die ihresgleichen sucht. Von Steppen und Wüsten über karibische Strände und tropischen Regenwald bis hin zu schneebedeckten Gipfeln – all dies und noch viel mehr lässt sich in Kolumbien finden, dem Land mit der zweitgrössten Biodiversität weltweit.

Unterwegs zwischen Regenwald, Karibik und dem einzigartigen Hochland-Ökosystem «Páramo». © ABB

Dass sich hier «quasi alles» finden lässt, ist übrigens eine Aussage, die ebenfalls auf Bogotá zutrifft – die Stadt, in der ich nun seit gut vier Monaten lebe und arbeite. Während die kolumbianische Hauptstadt mit ihrem Verkehrschaos, der Luftverschmutzung und dem wechselhaften Wetter auf den ersten Blick vermutlich nicht als klassisch «schöne» Stadt durchgeht, so zeigt sie sich dem gewillten Beobachter doch regelmässig mit neuen interessanten und schönen Gesichtern, sowie vielen Möglichkeiten für verschiedenste Aktivitäten und kulinarische Erlebnisse. Insbesondere das Entdecken und Probieren immer wieder neuer exotischer Früchte macht mir dabei besonders viel Spass.

Grossstadtdschungel Bogotá – Wo chaotischer Verkehr auf sattes Grün trifft

Bogotá erstreckt sich entlang einer Kette grünbewaldeter Berge von Nord nach Süd. So manche Wohn- und kommerzielle Viertel im Norden der Stadt lassen einen fast vergessen, dass man sich in Lateinamerika befindet – so sehr ähneln einzelne Strassenzüge dem Flair älterer englischer oder spanischer Städte. Ganz anders wirkt im Vergleich dazu die bunt-quirlige Altstadt mit ihrem Mix aus moderner und kolonialer Architektur, halbverfallenen Häusern, sowie dem turbulenten Treiben zwischen Strassenverkäufern, Touristen und Tauben. Der ärmste Teil der Bevölkerung Bogotás lebt in den südlichsten Bezirken der Stadt. Bereits seit vielen Jahren engagiert sich hier ABB Colombia über die «Fundación ABB» in Bildungs- und Wohnraumprojekten, um insbesondere jene Kinder und Jugendliche zu unterstützen, die dort unter schwierigsten Bedingungen aufwachsen.

Blick über das nächtliche Bogotá, unterwegs mit dem Velo, Früchte auf dem Mercado de Paloquemao, Street Art in La Candelaria. © ABB

Vom Hausberg der Stadt, dem Monserrate, hat man einen schönen Ausblick auf das beeindruckende Ausmass Bogotás. Die Grösse der Stadt transporttechnisch zu bewältigen, stellt eine zurecht berüchtigte Herausforderung dar, auf die jeder der geschätzten 9-11 Mio. Rolos (wie man die Bogotanos semi-liebevoll bezeichnet) seine eigene Antwort hat: Drei verschiedene Bussysteme mit übervollen Vehikeln jeglicher Grösse und Komfort- bzw. Sicherheitsstandards teilen sich die Strassen mit Taxis, Motos, Autos, Lastwagen und Handkarren. Um insbesondere zu den Stosszeiten dem ansonsten unvermeidlichen Stau zu entgehen, greifen mehr und mehr aber auch zum Velo – wie auch ich für meinen täglichen Weg zur Arbeit.

Bezüglich der Veloinfrastruktur bietet Bogotá übrigens einige Annehmlichkeiten, an denen sich auch viele europäische Städte noch ein Beispiel nehmen können: Wo sie existieren, sind die dezidierten Velowege («ciclorrutas») meist komplett vom restlichen Teil der Strasse durch feste Barrieren abgetrennt. Sonn- und Feiertags werden ausserdem im Rahmen der «ciclovía» eine Reihe von Hauptverkehrsstrassen teilweise abgesperrt, um Velofahrern, Fussgängern und Joggern das Flanieren zu ermöglichen.

Mein Arbeitsalltag – Erneuerbare Energien, und meine Erfahrungen bei ABB Colombia

Hier in Kolumbien unterstütze ich das Power Grids Front-End-Sales Team als Business Developerin für das Segment Renewables. Meine Tätigkeiten reichen dabei von Markt- und Kundenanalysen über Portfolioabklärungen und die Arbeit an Marketingmaterialien bis hin zu Messe- und Kundenbesuchen und der aktiven Mitarbeit in der Identifikation und Verfolgung potentieller Aufträge. Viel können wir dafür auch von der globalen Erfahrung innerhalb von ABB profitieren – der regelmässige Austausch mit den Renewables-Experten der unterschiedlichen Länderorganisationen gehört daher ebenfalls zu meinen Aufgaben.

Mein Arbeitsalltag findet seit dem ersten Tag zu nahezu 100 Prozent auf Spanisch statt: Angefangen bei sämtlichen Formularen, mit denen ich mich auseinandersetzen durfte und von denen es hier in Kolumbien – einem ausgesprochen bürokratischen Land mit vielen Prozessen, Regeln und vorgeschriebenen Abläufen – mehr als genug gibt, über die Gespräche beim gemeinsam in der Küche eingenommenen Mittagessen, bis hin zu quasi allen Emails und Meetings. Somit wurde ich in der Tat – wie erwartet und erhofft – direkt von Anfang an ins kalte Wasser geworfen, und kann so Stück für Stück meine Sprachkenntnisse ausbauen.

Dank der hilfreichen und freundlichen Art der fast ausschliesslich kolumbianischen und venezolanischen Kolleginnen und Kollegen – natürlich immer gewürzt mit einer saftigen Prise «chiste colombiano» (Humor) – habe ich mich schnell in der neuen Stadt und Kultur eingelebt, auch wenn es nach wie vor immer wieder neue Aspekte des (Arbeits-)Alltags gibt, die mich im Vergleich zum Lauf der Dinge in der Schweiz verwundern oder überraschen.

Standorte (links der Landeshauptsitz, rechts Workshop und Lagerhalle) und Kollegen (links bei einem Geburtstagsessen im Team, rechts beim Training für ein ABB-internes Volleyballturnier) in Bogotá. © ABB

Bezüglich der Nutzung non-konventioneller erneuerbarer Energien steht Kolumbien im Vergleich zu vielen anderen Ländern noch sehr am Anfang. Der hohe Wasserkraftanteil an der Stromversorgung macht das kolumbianische Elektrizitätssystem zwar sehr sauber, stellt aber mittelfristig auch ein Risiko dar: Das Land gehört zu den am stärksten durch den Klimawandel gefährdeten Regionen bezüglich Schwankungen in der Wasserverfügbarkeit. Kolumbiens immenses Ressourcenpotential für Wind- und Solarenergie bietet eine gute Möglichkeit, diesem Risiko entgegenzuwirken, weshalb dieses Thema aktuell mehr und mehr in den Fokus der Politik rückt.

Es ist sehr spannend, die Entwicklung dieses noch jungen Marktes hier vor Ort mitzuverfolgen – so wurde beispielsweise gerade dieses Jahr die erste Auktion spezifisch für Projekte non-konventioneller erneuerbarer Energien von Seiten des Energieministeriums lanciert, und auch weitere Initiativen zur Revision des kolumbianischen Energiesystems werden aktuell vorangetrieben.

Mit dem lokalen ABB-Team beim III° Encuentro Internacional de Energías Renovables in Barranquilla, sowie ein Blick auf das gefüllte Auditorium zur öffentlichen Bekanntgabe der Ergebnisse der ersten Auktion für erneuerbare Energien in Kolumbien. © ABB

Ein komplexes Land im Wandel, und ein kleiner Blick Richtung Schweiz

Nicht nur hinsichtlich der kolumbianischen Energieversorgung ist aktuell einiges in Bewegung – auch in Bezug auf die gesellschaftliche und politische Situation des Landes sind signifikante Veränderungen deutlich spürbar. Obwohl die schmerzhafte Vergangenheit Kolumbiens durchaus auch heute noch ihren Schatten auf das Leben vieler Menschen wirft, hat sich während der letzten Jahre die generelle Situation des Landes stark verändert. So werden Reisende heute beispielsweise in vielen Regionen herzlich und offen willkommen geheissen, die noch bis vor kurzer Zeit Kernzonen des bewaffneten Konflikts waren.

Die unterschiedlichen Regionen Kolumbiens sind übrigens nicht nur in Bezug auf Klima, Fauna und Flora sehr divers, sondern auch hinsichtlich verschiedenster kultureller und kulinarischer Aspekte. Ähnlich wie in der Schweiz, ist auch hier die Identifikation mit den regionalen Eigenheiten in Verhalten und Sprache elementarer Bestandteil des Selbstverständnisses – man könnte fast von einem kolumbianischen «Kantönligeist» sprechen. Interessanterweise variiert zwischen den Regionen nicht nur der Dialekt an sich, sondern auch ganz allgemein die Art, wie man sich ausdrückt. Grundsätzlich legen Kolumbianer sehr grossen Wert auf höfliche Umgangs- und Ausdrucksformen. Die jedoch abhängig von Region und sozialer Schicht feinen Abstufungen in der Formalität der Ausdrucksweise verstehen und einordnen zu lernen, gehört zu den spannenden Aspekten des Spanischlernens hier in Kolumbien. Genauso auch die Aufnahme von mehr und mehr «colombianismos» in die eigene Sprache, was bei Reisen ausserhalb des Landes bereits zu einigen Schmunzlern geführt hat.

Ein Zwischenfazit: Viel zu entdecken, und noch viel mehr zu verstehen!

Die Auseinandersetzung mit einer neuen Kultur und einem Land, welches zum grossen Teil mit ganz anderen Herausforderungen als die eigene Heimat konfrontiert ist, trägt in jedem Fall auch dazu bei, gewisse Dinge, die man schnell als selbstverständlich erachten kann, nochmal ganz neu wertzuschätzen. Für mich ist so etwas zum Beispiel der Aspekt von frischer, sauberer Luft in den Städten. Sicher ein Punkt, den ich – genau wie den ÖV – am Leben in der Schweiz nach meiner Rückkehr nochmal mehr schätzen werde. Für den Moment freue ich mich aber vor allem darauf, während der verbleibenden Zeit hier die laufenden Projekte im Team weiter voranzubringen, und in meiner Freizeit noch viele weitere Ecken dieses faszinierenden Landes zu erkunden.

Zu Besuch an einigen Orten und Plätzen mit besonderer Bedeutung – in der «Comuna 13» in Medellín, auf der Plaza Bolívar in Bogotá, und an der Laguna de Guatavita, wo (der Überlieferung nach) die Legende von El Dorado ihren Ursprung hat. © ABB

 

Explorer Trainee Programm von ABB Schweiz
Das Swiss Explorer Trainee Programm fokussiert sich auf die praktische Ausbildung junger Absolventinnen und Absolventen im Ingenieurbereich mit bis zu anderthalb Jahren Berufserfahrung. Während drei «Assignments» à 6 Monaten lernen die Trainees unterschiedliche Bereiche von ABB kennen. Sie gestalten das Programm aktiv selbst mit, in dem sie sich die «Assignments» selbst suchen und somit von Beginn an mitentscheiden, welchen beruflichen Weg sie während, aber auch nach dem Programm, einschlagen. Ziel eines Trainee-Programms ist es, auf eine breite und aufeinander abgestimmte Basis für die anschliessende Festanstellung bei ABB Schweiz hinzuwirken. Mehr Informationen über das Trainee Programm findest Du hier.

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Über den Autor

Rhea Riemke

Nach meinem Masterabschluss in Energy Science and Technology an der ETH Zürich habe ich im Herbst 2017 mein Traineeprogramm bei der ABB begonnen. Während meines ersten Assignments war ich als Projektleiterin für die Abwicklung von Projekten im Bereich Gasisolierter Schaltanlagen verantwortlich. Meine zweite Stelle führte mich zum Verkauf Schweiz, wo ich gemeinsam mit der Verkaufsleitung an strategischen Themen wie Account Management und Marktanalysen gearbeitet habe. Im Moment unterstütze ich das kolumbianische Sales-Team als Business Developerin für das Segment Renewables. In der Freizeit findet man mich viel in der Natur, beim Sport oder Musizieren, oder unterwegs beim Entdecken mir neuer Kulturen und Landschaften.
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