Chancen schenken: Erfolgreiche Inklusion über die Schweizer Invalidenversicherung

ABB hat sich mit einer Idee vorgewagt und einen neuen Mitarbeitenden über die Schweizer Invalidenversicherung eingestellt. Ein Erfolg für beide Seiten.

Wenn Max Steiner von seiner Arbeit spricht, dann strahlt er. Noch vor einem Jahr hat der 46-Jährige aus dem Kanton Luzern nicht daran geglaubt, wieder eine Arbeit zu finden – eine, die ihm auch noch so sehr zusagt. Der gelernte Maler hatte vor zwei Jahren solche Schmerzen im Knie, dass er nicht mehr arbeiten konnte und brauchte ein künstliches Kniegelenk. Seitdem verbieten ihm die Sicherheitsvorschriften der SUVA auf Leitern zu stehen – als Maler eine unmögliche Situation. Zusätzlich wurde bei ihm die Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörung (ADHS) diagnostiziert, was die Situation zusätzlich erschwerte und auf viele Arbeitgeber immer noch abschreckend wirkt. Es folgte der Antrag bei der Schweizer Invalidenversicherung (IV), eine neue Perspektive musste her.

Und die kam: Felix Bircher, Leiter der Servicewerkstatt der ABB Turbo Systems AG in Baden, hatte schon länger im Sinn, die Diversität seines Teams mit einem neuen Mitglied, das einen besonderen Hintergrund mitbringt, aber verschiedene Allrounder-Tätigkeiten übernehmen kann, zu fördern. Seine Teamleiter und Teammitglieder waren sofort von der Idee begeistert, wollten selbst einen Betrag dazu leisten und entsprechend jemandem eine zweite Chance geben. Daraufhin wendete er sich an die IV.

Felix mit Max und dessen Göttis. Oben v.l.: Felix Bircher, Paul Nautascher und Shpend Beqiraj, unten v.l.: Max Steiner und Stefan Schmidt. © ABB

«Der Prozess über die IV ist einfach, und es entstehen keine Personalkosten für die Abteilung», erklärt Felix. «Als erstes werden ein Stellenbeschrieb, ein gewilltes Team und ein Götti benötigt. Danach geht es auf die Suche nach dem neuen Kollegen. Am besten kontaktiert man direkt die Arbeitgebendenberatung der SVA Aargau.» Anschliessend sollte ein Programm mit einer Laufzeit von drei oder sechs Monaten mit konkreten Zielen vereinbart werden. Ein Ziel wäre beispielsweise, dass das Arbeitspensum von anfänglich 40 auf schlussendlich 100 Prozent erhöht wird. Die Zielvereinbarung, die gleichzeitig als Vertrag zwischen ABB und der IV gilt, wird von der IV-Stelle aufgesetzt.

Neue, wertvolle Perspektive eingebracht

Im Team von Felix haben sich prompt gleich drei Teammitglieder – Paul Nautascher, Stefan Schmidt und Shpend Beqiraj – als Göttis bereit erklärt. Schon zwei Monate nachdem der Prozess gestartet wurde, lernten Felix und die Göttis Max Steiner kennen – einen Tag später wurde er eingestellt. Kurz darauf begann Max ein sechsmonatiges Programm mit einem Pensum von 50 Prozent, welches dann schrittweise erhöht wurde auf 100 Prozent.

«In unserem Fall hat es sofort gepasst. Max hat uns durch seine unkomplizierte und motivierende Art sehr schnell enorm bereichert. Er bringt mit seinem Hintergrund und seiner Lebenserfahrung eine neue wertvolle Perspektive in das Team ein», erzählt Felix. Gleichzeitig wäre eine so erfolgreiche Inklusion ohne die Mithilfe und den Ansporn der Teamleiter, die vollkommen dahinterstanden, sowie ohne die motivierten Teammitglieder nicht möglich gewesen. Auch die allseitige Zustimmung vom Management, von Human Resources und der bei ABB Schweiz integrierte Fachstelle Stay at Work, die sich mit Inklusion und Wiedereingliederung von Mitarbeitenden auskennt, hätte hierzu positiv beigetragen.


Ein Allrounder: Max ist der Mann für alles

Heute ist Max der Mann für alles. Überall hilft er in der Werkstatt mit, belädt LKWs, verpackt, räumt auf und montiert. Jeden Tag haben die Göttis geschaut, was ansteht und wie Max seine Fähigkeiten und sein handwerkliches Geschick Schritt für Schritt einbringen konnte. Felix und Max hatten regelmässige Gespräche, wobei der Fortschritt geprüft, weiter abgestimmt und definiert wurde – alle zwei Monate auch zusammen mit der IV. Inzwischen macht Max diverse Tätigkeiten, von der Kommissionierung über die komplette Vormontage bis zur Programmierung und Bedienung der Lasergraviermaschine. Zudem ist er hauptverantwortlich für die Abwicklung von Mietwerkzeugen.

«Alle schenken mir viel Vertrauen und lassen mich viel machen, auch wenn ich eigentlich einen anderen Hintergrund habe. Aber vieles ist auch ‹learning by doing› und ich arbeite wirklich sehr gerne. Das Arbeitsklima ist toll, und für die hohe Flexibilität bin ich sehr dankbar», erzählt Max ganz offen. Für das Werkstattteam eine Entlastung und ein fleissiger, sympathischer Kollege, für Max eine hochgeschätzte Möglichkeit wieder ins Arbeitsleben einzusteigen: «Ich bin mehr als froh, die Möglichkeit bekommen zu haben. Am Ende liegt es dann an jedem selbst, die Chance zu nutzen und sich zu engagieren. Und ich habe von Anfang an versucht, das zu tun.»

Nach Programm temporär eingestellt

Seine Bemühungen zahlten sich aus: Nach den sechs Monaten hat die Abteilung Max temporär bis Ende August 2019 mit 100 Prozent angestellt. Das Programm hat dem Team und Max beiderseits geholfen. Dass Max einmal eine schwierige Phase durchgemacht hat, ist ihm heute nicht mehr anzumerken. Er appelliert daran, Chancen zu schenken: «Jede Person hat eine Chance verdient. Schlussendlich weiss niemand vorher, durch welches Schicksal die Person in die Arbeitslosigkeit und zur IV gekommen ist. Die Möglichkeit für ein Vierteljahr bis halbes Jahr wieder fixe Strukturen zu haben, hilft vielen Menschen aus einer verzwickten Situation auszubrechen und gibt Selbstvertrauen.»

Doch was, wenn eine Inklusion nicht klappen sollte? «Sowohl der Kandidat als auch die Vorgesetzten sollen das Integrationsprogramm jederzeit abbrechen können, denn eine Inklusion kann nie erzwungen werden: Entweder, es passt, oder eben nicht. Für uns war das Programm ein voller Erfolg», meint Felix.

 

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Über den Autor

Greta Clasen

Für ABB als führendes, digitales Technologieunternehmen spannende Themen zu realisieren – diese Vorstellung setzte mich sofort unter Strom. Und doch musste ich bei Themen wie Trockentransformatoren im ersten Moment erst einmal schlucken. Mit mehr Wissen und Verständnis wurde mir jedoch klar, wie viel tatsächlich hinter der für mich erst einmal unbekannten Technik steckt und die Begeisterung kam automatisch. Ich freue mich, jeden Tag tiefer in die komplexesten Themen einzutauchen.
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