Wie Tokio meine neue Heimat geworden ist

Durch viele Erzählungen hatte ich einige Erwartungen an meinen Aufenthalt Japan. Was ich aber nicht erwartet habe ist, dass ich mich hier so wohl fühle.

Ich komme aus Guatemala, lebe in der Schweiz und wollte ein neues Land entdecken, um einen richtigen Kulturschock zu bekommen. Ich habe mich aufgrund der Kultur, Geschichte, fremden Sprache und das hervorragende Essen, für Japan entschieden. Jeder, der schon in Japan war, sagt, wie erstaunlich beeindruckend das Land ist. So kommt man bereits mit sehr hohen Erwartungen an, die eigentlich unmöglich zu erfüllen sind. Doch sie wurden sogar übertroffen und man wird von Japan und der Kultur überrascht und fasziniert.

Der Vulkan „Fujisan“, gleichnamig wie mein Projekt bei ABB. © ABB

Ich könnte lange über das spektakuläre Essen, das Pendeln in den überfüllten Zügen in Tokio schreiben, oder über die schönen Tempel und die Geschichte sowie über die Kultur von Ordnung, Respekt und Sauberkeit. Dennoch werde ich mich auf ein paar Eigenschaften, die mir im Alltag bei den Menschen aufgefallen sind, sowie auf die Arbeitskultur beschränken.

Menschen

Der hauptsächliche Grund für mein Wohlbefinden in Japan sind die Menschen. Japaner sind unglaublich höflich, hilfsbereit, zuverlässig und vor allem respektvoll. Alles basiert auf Würde und Respekt gegenüber den anderen. Aus Respekt wird bei jeder Person «san» am Ende des Nachnamens hinzugefügt, ausser bei Ausländern. Der «san» kommt dann nach dem Vornamen, da sie es besser aussprechen können. So bin ich bei der Arbeit «Adriana-san» geworden. Ja, Japaner sind am Anfang reserviert und nicht so kontaktfreudig wie Lateinamerikaner, aber man baut sehr gute, ehrliche Freundschaften auf.

Koyo, Färbung der Blätter im Herbst. Nikko, Japan. © ABB

Mein Lieblingsaspekt in Japan, was mir erst nach einiger Zeit aufgefallen ist, ist die positive Einstellung. Sie geben oft Komplimente und beschweren sich so gut wie nie. Nach ein paar Monaten habe ich langsam gemerkt, dass ich im Alltag so gut wie keine Beschwerden oder negative Kommentare mehr gehört habe. Die Ausdrucksweise der Japaner ist allgemein fröhlicher als in anderen Sprachen, wo ein «nicht schlecht» schon etwas Gutes bedeutet. Wenn man mit Japanern unterwegs ist, ist alles was man sieht oder probiert iine, sugoi, kawaii, kireii oder oishii (gut, cool, süß, schön oder lecker).

Arbeitskultur

Wenn man im Ausland ist und das ABB-Büro besucht, fühlt man sich wieder in einer bekannten Umgebung. Dies ist in Tokio nicht anders. Alles scheint bekannt und familiär. Das Büro ist sehr modern und hat eine hervorragende Aussicht über ganz Tokio aus dem 22. Stock.

Aussicht aus einem Meetingsraum vom 22. Stock. © ABB

Obwohl bei ABB Japan fast nur Japaner arbeiten, ist ABB sehr anders als andere japanische Unternehmen. Bei ABB haben die Mitarbeitenden mehr Freiheiten. Man darf bei ABB sogar das persönliche Handy zur Arbeit mitnehmen und sich mittags über das Privatleben mit den Kollegen unterhalten. Ja, sie machen viel mehr Überstunden als in Europa, aber immer noch deutlich weniger als in traditionellen japanischen Unternehmen. Kaffeepausen sind offiziell in Ordnung. Allerdings trauen sich die Japaner nicht, diese zu nehmen, da es unangenehm wäre, auch wenn sie bis Mitternacht im Büro bleiben.

Bei ABB passen sich die japanischen Mitarbeitenden westlichen Manieren an. Sie können gut Englisch und geben einem sogar die Hand bei der ersten Begegnung, zusätzlich zum respektvollen Verbeugen natürlich.

Mit YuMi am Sonnenuntergang aus dem ABB Büro in Tokyo. © ABB

Beim Ankommen in Meetings entschuldigen sie sich, obwohl sie pünktlich waren. Japaner entschuldigen sich wirklich viel. Wenn man beispielsweise als Ausländer aufgrund des Linksverkehrs gegen Japaner stolpert, sind sie diejenigen die sich mehrmals entschuldigen. So sind die Wörter, die man im Japan am häufigsten hört: «sumimasen» und «gomennasai».

Am Ungewöhnlichsten bei der Arbeit fand ich, dass sie wirklich nicht «Nein» sagen können. Man lernt zwar das japanische Wort für «Nein», benutzt es aber im Alltag so gut wie nie. Es gibt immer indirekte Wege, um diskret Nein zu sagen. Denn ein direktes «Nein» wäre viel zu unhöflich. So habe ich nach ein paar Wochen gemerkt, dass «mm… vielleicht» und weitere Varianten, eigentlich «Nein» bedeuten.

Mit traditionellem Kimono. © ABB

Aufgrund dieser und vielmehr Aspekte bezeichne ich nun Tokio als meine neue Heimat. Ob ich meinen Kulturschock bekommen habe ist schwer zu sagen, denn Japan macht es einem viel zu einfach sich hier einzuleben.

Adriana-san

アドリアナ

Explorer Trainee Programm von ABB Schweiz
Das Swiss Explorer Trainee Programm fokussiert sich auf die praktische Ausbildung junger Absolventinnen und Absolventen im Ingenieurbereich mit bis zu anderthalb Jahren Berufserfahrung. Während drei «Assignments» à 6 Monaten lernen die Trainees unterschiedliche Bereiche von ABB kennen. Sie gestalten das Programm aktiv selbst mit, in dem sie sich die «Assignments» selbst suchen und somit von Beginn an mitentscheiden, welchen beruflichen Weg sie während, aber auch nach dem Programm, einschlagen. Ziel eines Trainee-Programms ist es, auf eine breite und aufeinander abgestimmte Basis für die anschliessende Festanstellung bei ABB Schweiz hinzuwirken. Mehr Informationen über das Trainee Programm findest Du hier.

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Über den Autor

Adriana Grueschow

Nach meinem Masterabschluss in Energiesystemtechnik von der TU Clausthal in Deutschland und mehrere Praktika in Europa, habe ich entschieden meinen Berufseinstieg als Explorer Trainee bei ABB Schweiz zu machen. Die ersten 6 Monate beschäftigte ich mich mit Projekten in der Produktion von Turboladern in Baden. Nun darf ich die Strategie der Division Power Grids von ABB Japan in Tokyo implementieren. In meiner Freizeit findet man mich beim Joggen, Tanzen oder in der Natur.
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