Und das soll Lateinamerika sein?

Alle wollen nach Chile. Egal ob Brasilianer, Venezueler oder Haitianer. Doch was unterscheidet Chile von den anderen Ländern in Mittel- und Südamerika?

Chile zeigt sich anders, als ich es erwartet habe. Hier funktioniert alles; der öffentliche Verkehr ist pünktlich, die Stadt ist sauber, man fühlt sich sicher und das Essen könnte nicht besser sein. In der wachsenden Hauptstadt Chiles leben zurzeit mehr als 5.6 Millionen Einwohner, wobei es immer mehr Nicht-Chilenen wie mich gibt. Mein Kernteam bei der Arbeit besteht aus zwei Chilenen, zwei Brasilianern und zwei Kolumbianern. Der Unterschied zwischen den Nationalitäten lässt sich nicht nur akustisch vernehmen, sondern äussert sich auch kulturell.

Ausblick vom höchsten Gebäude Lateinamerikas auf die Skyline von Santiago und die Anden. © ABB

Der Akzent der Chilenen ist schwer zu verstehen. Die Chilenen verschlucken Buchstaben, betonen die Wortendungen anders und haben spezifische Ausdrücke. Zudem sind die Chilenen dafür bekannt, dass sie im Vergleich zu allen anderen Latinoamerikanern einen distanzierteren Umgang pflegen, sowie Arbeits- und Privatleben trennen. Meine brasilianischen Kollegen hingegen sind sehr offen, verbringen ihre Zeit jedoch am liebsten mit ihren Landesgenossen und sprechen Portugiesisch. Geht es nach ihnen, werde ich in Chile auch eher «Portugñol» als Spanisch lernen. Die Kolumbianer fallen durch ihre Freundlichkeit auf und sind meine Hoffnung, doch noch ein verständliches Spanisch zu lernen. Sie sind stets gut gelaunt, gemütlich unterwegs und sprechen bekannterweise das schönste Spanisch. Doch wieso zieht Chile so viele verschiedene Menschen an?

Der Grund, weshalb es so viele Nationalitäten nach Chile zieht, ist einfach: Die Hoffnung auf einen besseren Lebensstandard. Chiles Wirtschaft boomt. Kein Wunder, belegt Chile den Spitzenplatz im Pro-Kopf-Einkommen in US-Dollar in Lateinamerika. Wie in Deutschland entspricht die Exportquote rund einem Drittel des Bruttoinlandprodukts. Zu den wichtigsten Exportgütern gehören Kupfer und Wein. Die gute Wirtschaftslage sorgt regelrecht für Immigrationsströme in die chilenische Hauptstadt.

Besonders geprägt wird die Stadt von der momentanen Flüchtlingswelle aus Venezuela und Haiti. Dies wurde mir vor allem bei meiner VISA-Registrierung bewusst. Jeder Immigrant hat die Pflicht, das erhaltene VISA in den ersten 30 Tagen nach Einreise registrieren zu lassen – so auch ich. Niemals hätte ich gedacht, dass diese Registrierung eine «Mission Impossible» wird. Die Wartezeit in der Schlange beträgt zurzeit ungefähr neun Stunden. Wenn man bedenkt, dass die Policia de Investigaciones (PDI) die Türen um 14 Uhr schliesst, kann man leicht berechnen, um wie viel Uhr man sich in die Schlange auf der Strasse einreihen sollte … Ganze vier Versuchstage später bin ich dann doch noch zur glücklichen Besitzerin eines registrierten Visums geworden.

Mein typischer Arbeitstag als Associate Project Manager beginnt ungefähr um 9 Uhr. Zur Arbeit fahre ich mit der Metro. Sicher im Büro angekommen, folgt die Begrüssungsrunde. Zumindest als Frau gehört es sich, jede und jeden mit einem Küsschen auf die rechte Wange zu begrüssen. Dabei darf auch etwas Smalltalk nicht fehlen. Das Mittagessen nehme ich normalerweise gegen 13 Uhr zu mir. Es besteht stets aus Suppe, Salat, Hauptgang, Brot und Dessert. Am Nachmittag geht es üblicherweise mit Meetings weiter. Ich musste jedoch schnell merken, dass ich mich als Schweizerin anzupassen habe. Verspätungen gehören hier zum Alltag. Kalender werden überhaupt nicht gepflegt und Arbeitskollegen waren auch schon darüber verwundert, dass man fremde Kalender überhaupt einsehen kann. Ein normaler Arbeitstag endet schliesslich zwischen 18 und 19 Uhr – selbstverständlich wieder mit Küsschen. Hinzuzufügen ist, dass man hier vielleicht weniger effizient arbeitet, jedoch insgesamt durchaus gleichviel. Im Durchschnitt arbeitet man hier 45 Stunden pro Woche und bezieht nur drei Wochen Ferien pro Jahr.

Was die Natur anbelangt, kann Chile fast alles bieten. Von Wüsten im Norden über Schneeberge und grüne Landschaften bis hin zu tausenden Inseln und endlosen Stränden. Egal ob Skifahren, Wandern oder Surfen, in Chile findet jeder eine passende Aktivität. Auch rund um Santiago kann man die unterschiedlichsten Dinge unternehmen, so gibt es Hügel und Gebirge und eine Busreise ans Meer dauert nur etwa eine Stunde. Im Gegensatz dazu hat Santiago eine grosse Schwäche: Smog. Die Abgase von zahlreichen Autos in Kombination mit der durch die Berge beeinträchtigten Luftzirkulation, sowie der Mangel an Regen führen, zu einer miserablen Luftqualität.

Ungewohnter Anblick: Schnee und Kakteen. © ABB

An den Wochenenden bin ich froh, wenn ich meine Zeit abseits von Autos, Grossstadtlärm und Menschenmassen verbringen kann. Gemeinsam mit meinen Arbeitskollegen planen wir jedes Wochenende eine Wanderung oder einen Ausflug in die Berge und Landschaften rund um Santiago. Als naturbegeisterte Schweizerin hat es mich zugleich erstaunt und erfreut, hier wanderbegeisterte Latinos anzutreffen. In den Bergen treffen wir jeweils auf die für mich ungewohnte Kombination aus Schnee und Kakteen. Bei diesem Anblick komme ich zur klaren Einsicht, dass Chile den Immigranten weitaus mehr bieten kann, als nur eine attraktive Wirtschaftslage.

Meine Arbeitskollegen und ich auf dem Hausberg von Santiago, Cerro Manquehue. Im Hintergrund ist der Smog über der Stadt zu erkennen. © ABB

 

Explorer Trainee Programm von ABB Schweiz
Das Swiss Explorer Trainee Programm fokussiert sich auf die praktische Ausbildung junger Absolventinnen und Absolventen im Ingenieurbereich mit bis zu anderthalb Jahren Berufserfahrung. Während drei «Assignments» à 6 Monaten lernen die Trainees unterschiedliche Bereiche von ABB kennen. Sie gestalten das Programm aktiv selbst mit, in dem sie sich die «Assignments» selbst suchen und somit von Beginn an mitentscheiden, welchen beruflichen Weg sie während, aber auch nach dem Programm, einschlagen. Ziel eines Trainee-Programms ist es, auf eine breite und aufeinander abgestimmte Basis für die anschliessende Festanstellung bei ABB Schweiz hinzuwirken. Mehr Informationen über das Trainee Programm findest Du hier.

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Über den Autor

Jana Stettler

Mit einem Bachelor in Wirtschaftsingenieurwesen / Innovation der HSLU habe ich im April 2018 mein Trainee Programm bei ABB begonnen. Während meines ersten Assignments leitete ich ein globales Projekt, bei welchem wir das künftige globale Geschäftsmodell für das GIS Service Setup erarbeitet haben. Seit Oktober 2018 absolviere ich mein Auslands-Assignment als Associate Project Manager in der Andenregion. Meine persönliche Challenge ist es, mich ausserhalb meiner Komfortzone wohler zu fühlen. Meine Freizeit verbringe ich am liebsten in der Natur oder in mir fremden Kulturen.
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