Spektakulärer Fund: Frühe Dokumente von Walter Boveri – dem «zweiten B» in BBC

«Flügelzapfen», ca. 1883/84 © ABB

Kürzlich konnten Originalzeichnungen von Walter Boveri ins Historische Archiv von ABB Schweiz übernommen werden.

Walter Boveri wurde am 21. Februar 1865 in Bamberg in Oberfranken geboren. Dort absolvierte er auch das Gymnasium. Nach dem Gymnasium besuchte Boveri die Königliche Industrieschule in Nürnberg, der heutigen Technischen Hochschule Nürnberg Georg Simon Ohm.

Ornament mit Löwenkopf, 1879 gezeichnet von Walter Boveri, damals in der fünften Lateinklasse © ABB

Sorgfältige technische Handzeichnungen entdeckt

Nebst der obengenannten Zeichnung, gelangten auch 15 grossformatige (meist 87×67 bzw. 62×46 cm) Werke aus Boveris Zeit an der Industrieschule (ca. 1882-1884) ins Archiv. Sie zeugen davon, wie Techniker im ausgehenden 19. Jahrhundert im technischen Zeichnen geschult wurden. Die Präzision, die saubere Linienführung und die wunderschöne Handkolorierung erstaunen – gerade in der heutigen Zeit, wo digitale Zeichnungsprogramme dominieren.

Mit dem Diplom der Industrieschule in der Tasche kam Boveri 1885 zur Maschinenfabrik Oerlikon MFO, wo er das spätere «erste B» von BBC, Charles Eugene Lancelot Brown, kennenlernte. Wie es einige Jahre später zur Gründung von Brown, Boveri & Cie. kam, könnt ihr hier nachlesen.

Nach Jahren der Vergessenheit die Überraschung

Erstaunlich ist, wie die Zeichnungen ins Archiv kamen. Die Familie Boveri besass in Höfen (Gemeinde Stegaurach), ca. fünf Kilometer von Bamberg entfernt, ein Sommerhaus, auch «Seehaus» oder «Boveri-Schlösschen» genannt. Walter Boveris Nichte und letzte Erbin dieses Hauses aus dem Familienstamm, die Schriftstellerin Margret Boveri (1900-1975), verkaufte das Haus 1968 dem Ingenieur Hans Schleicher aus Bamberg. Nach dessen Tod 1995 erbte sein Neffe Gerhard Hergenhahn das Seehaus. Hergenhahn lebt heute in den USA und ist mittlerweile pensioniert. In einem nicht ausgebauten Dachgiebelgeschoss fand er dort die ungeschützten, aufgerollten Zeichnungen. Erst 20 Jahre später schaute er sich diese genauer an – in der Annahme, dass es sich um Baupläne seines Onkels handelte. Er staunte nicht schlecht, als er Walter Boveris Unterschrift erkannte.

1996 verkaufte Hergenhahn das Seehaus weiter an die Familie Herzog in Bamberg. Die Zeichnungen übergab er 2017 dem Historischen Archiv ABB Schweiz.

«Hängelager nach Sellers», ca. 1883/84 © ABB

«Hängelager nach Sellers», ca. 1883/84 © ABB

Spekulationen über die Verwahrung der Dokumente

Wie und warum Walter Boveris Zeichnungen ins Seehaus gelangten, ist nicht bekannt. Möglich ist, dass sein Vater Theodor, Arzt in Bamberg, die Studienunterlagen zu sich nahm, als der Sohn in die Schweiz auswanderte. Als die Familie Boveri später das Seehaus kaufte, erschien ihm der Dachboden wohlmöglich als geeignete Lagerfläche. Eine andere Vermutung ist, dass Walter Boveri seine Zeichnungen anlässlich eines Besuches in Bamberg selber dort versorgt haben könnte. Doch rätseln wir nicht zu sehr an dieser Frage und erfreuen uns vielmehr an den farbenprächtigen Zeichnungen!

Die meisten Zeichnungen weisen den Stempel «K. Rectorat der Industrie-Schule zu Nürnberg» und Boveris Unterschrift auf © ABB
Die meisten Zeichnungen weisen den Stempel «K. Rectorat der Industrie-Schule zu Nürnberg» und Boveris Unterschrift auf. © ABB
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Über den Autor

Tobias Haudenschild

Ich arbeite als wissenschaftlicher Archivar und Berater für Informationsmanagement bei docuteam in Baden. Unter anderem betreuen wir das Historische Archiv ABB Schweiz, welches aktuell rund einen Kilometer Papierakten und etwa eine halbe Million Fotografien sowie dutzende Filme umfasst. Immer mehr kommen auch digitale Objekte (Bilder, Videos, Texte) dazu. Hauptsächlich stelle ich Kunden (Historiker, Studenten, Schüler, Journalisten, Familienforscher usw.) Unterlagen bereit, damit diese ihre Recherchen machen können. Dabei stosse ich immer wieder auf spannende Dokumente, welche noch nicht erschlossen, d.h. im Archivverzeichnis aufgeführt, sind. Zuhause bin ich in Baden, in meiner Freizeit spiele ich Eishockey.
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