Special Olympics Kiel 2018: Wie aus einem Problem “Bronze” wurde

Ralf Gutmann

…und ich dachte ich hätte den sportlichen Saisonhöhepunkt 2018 gerade hinter mir!

Denn ich kam gerade von einer 4-tägigen Vogesentour mit der ABB-Friedberg Mountainbike-Gruppe, bevor ich direkt nach Kiel zu den Special Olympics fuhr.

Im Ernst, es waren meine zweiten Sommerspiele, bei denen ich wieder als Riegenführer bei der Leichtathletik eingeteilt war. Am zweiten Wettkampftag wurde ich morgens von einem Kampfrichter angesprochen. „Du siehst doch aus wie ein Läufer!“  Da war ich verdutzt und sagte: „Ja, das war in jungen Jahren so!“

Das Problem

Das Problem war, dass der Begleitläufer einer fast blinden 17-jährigen Athletin über die 1.500m ausgefallen war. Ich wurde kurzerhand gefragt, ob ich als Tandempartner von Jenny Dabelstein, die für das Bildungszentrum für Blinde und Sehbehinderte (BZBS) in Hamburg startet, einspringen kann. Der Lauf sollte am Nachmittag stattfinden.

Die Lösung

Ich sagte „ja“ und schnell wurde ich mit Jenny und den Betreuern bekannt gemacht. Themen wie, „Was ist zu beachten?“, „Wieviel kann Jenny noch sehen?“, „Wie bringe ich sie unbeschadet über das Gelände zum Wettkampf?“, rückten plötzlich auf meiner Prioritätenliste weit nach oben.

Wir hatten vor dem Wettkampf zum Glück noch etwas Zeit das gemeinsame Laufen über einen Trainingsplatz zu üben. Bei so einem Lauf ist man als Tandempartner mit einem Band mit dem Läufer verbunden. Wir verstanden uns sofort und Jenny freute sich riesig, doch noch antreten zu können. Das schwappte schnell auf mich über und überwog die Aufgeregtheit! Mein letzter Wettkampf lag immerhin schon 25 Jahre zurück. Ich war guter Hoffnung, noch ein wenig aus der alten Erinnerung –  ich war hessischer Meister über die 25km sowie Vizemeister im Marathon –  abrufen zu können.

Im Vorlauf schlugen wir uns gut und erreichten eine Zeit von 7:28min. Meine ABB-Helferkollegen, die mit mir in einer Gruppe eingeteilt waren, übernahmen an der Bahn die Anfeuerung und die Analyse des Laufs. Hier gab es nach ihrer Meinung auch noch Potential – mehr dazu aber später. Der Endlauf stand nun für den letzten Wettkampftag am Freitag an.

Trainieren, trainieren, trainieren

Jenny und ich beschlossen jeweils am Mittwoch und Donnerstag nochmal zu trainieren um das „miteinander verbunden sein“ mit einem Band zu optimieren. Da sie, wenn sie geradeausschaut, kaum die Linien am Boden und die Bahnbegrenzung sieht, gab es hier noch Potential. Ebenso beim Laufen in den Kurven. Hier haben wir geübt, wie ich sie durch Drücke-  und Schiebesignale besser in der Bahn führe. Die Wettkampfregeln sagen auch dass der Begleitläufer niemals vor dem Athlet laufen darf.Im Endlauf kamen dann noch Herausforderungen wie das Gerangel am Start (alle wollen schnell auf die Innenbahn) sowie das Überholen auf uns zu. Es war eine tolle neue Aufgabe, sich beim Laufen auf einen anderen Menschen einzustellen und einzufühlen.

Das Finale

Im Endlauf konnten wir unsere Zeit aus dem Vorlauf nochmal um 14 Sekunden verbessern (7:14min). Die Atmosphäre im Stadion war großartig alle Läuferinnen (und ich) wurden von den zahlreichen Zuschauern getragen. Jenny lief ihre persönliche Bestzeit. Wir hatten sensationell Bronze gewonnen! Es war ein phantastisches Gefühl innerhalb so kurzer Zeit zu einem Team zusammengewachsen zu sein und an einem Ziel gearbeitet zu haben. Ich war sehr stolz ebenso ein paar Tipps aus früheren Bahnwettkämpfen an Jenny weitergegeben zu haben.

Für mich war es eines der schönsten, menschlichsten und sportlichsten Erfahrungen in meinem Leben. In Jenny steckt so viel Lebensfreude und Zuversicht. Sie ist für mich zum Vorbild geworden. Sie weiß, dass sie vermutlich in ein paar Jahren ganz blind sein wird, trotzdem ist sie immer positiv. Davon können wir Menschen ohne Behinderung uns einfach eine Scheibe abschneiden.

Special Olympics ist für mich zu einer ganz besonderen Einrichtung geworden. Die Atmosphäre zwischen den Helfern, den Athleten und Betreuern ist einfach etwas ganz besonderes, was jeder einmal erlebt haben sollte.

Special Olympics Begleitläufer Ralf Gutmann und Athletin Jenny Dabbelstein gewinnen Bronze auf 1500 Meter. Gemeinsam stark
Einer der schönsten, menschlichsten und sportlichsten Erfahrungen in meinem Leben. Und Bronze gab es auch noch © ABB

Weltspiele in Abu Dhabi

Und zum Abschluss noch eine für mich aufregende Nachricht! Der Begleitläufer von Jenny fällt wohl leider noch länger aus. Und Jenny hat sich gegebenenfalls für die Special Olympics Weltspiele in Abu Dhabi (März 2019) qualifiziert. Hier steht ein Casting der interessantesten Teilnehmer noch aus. Ich bin jedenfalls als ihr Begleitläufer hierfür gemeldet worden. Und natürlich stehe ich auch zur Verfügung!

Über den Autor

Ralf Gutmann

Ich bin seit 1995 bei ABB Robotics in Friedberg als „Process Engineer Body-in-White“ (Karosserierohbau) beschäftigt. Meine Liebe habe ich ebenfalls bei ABB gefunden und mit meiner Frau Cornelia habe ich schon oft als Helfer bei den Special Olympics teilgenommen. Meine Hobbies sind: Rennrad, Mountainbike, Wandern, Kultur … und wieder Laufen.
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  • Stefan Lang

    Hallo Ralf,
    ich fand es eine mega tolle Aktion, dass Du spontan und mit vollem Einsatz hier eingesprungen bist!
    Es war eine wunderbare Sache und Team "WIR" steht immer hinter EUCH!
    Ich drück euch ganz fest die Daumen für Abu Dhabi im März 2019

  • Kronauer

    Großartig. Für mich als Mutter eines geistig behinderten Sohnes ist es immer wieder ein schöner Moment wenn ich feststellen kann, wie durch Veranstaltungen wie z. B. die Special Olympics vorhandene Berührungsängste abgebaut werden. Der Umgang mit diesen meist liebevollen und empathischen Menschen bringt Freude, ist manchmal natürlich auch anstrengend aber gibt einem selbst unglaublich viel zurück.

  • Oliver Münk

    Es war toll euch auf der Laufbahn anfeuern zu können!