Ni Hao, Xiamen! Als Trainee in China

Nur eine der vielen wundervollen Regionen in China: Yangshou © Alina Schuprin

Vom beschaulichen Rheinland in die fernöstliche Hafenstadt. Geht das ohne Kulturschock?

Nach acht Monaten als Trainee im Produktmarketing, -management und Business Development verlasse ich meine liebgewonnene Heimat Ratingen und mache mich auf den Weg nach China, genauer gesagt: nach Xiamen. Die Stadt liegt auf einer Insel in der Provinz Fujian im Südosten Chinas, nur ca. 250 Kilometer von der taiwanesischen Küste entfernt. Mit rund 3,5 Millionen Einwohnern gilt sie hier als „Kleinstadt“. Zum Vergleich: Ratingen, in der Nähe von Düsseldorf, hat weniger als 100.000 Einwohner.

In Xiamen arbeite ich bei ABB Xiamen Switchgear Co., die Schaltanlagen und Leistungsschalter produzieren und dafür Vakuumschaltkammern und Embedded Poles aus Ratingen beziehen. So kann ich mein Produktwissen und meine Kontakte in Deutschland gleich zielgerichtet einbringen.

Mein erster Eindruck von Xiamen: Die Straßen sind sehr gepflegt, überall blühen Blumen, nette kleine Cafés und kaum Autos bzw. Menschen auf der Straße. Irgendwie hatte ich mir China hektischer vorgestellt.

Der erste Eindruck und meine Nachbarschaft für die nächsten sechs Monate © Alina Schuprin

Kein Wunder, schließlich überschneidet sich meine Ankunft mit dem Meeting der BRICS-Staaten, welches unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen stattfindet. Deshalb beginnt mein Auslandsaufenthalt auch mit zwei freien Tagen, da auch die Fabriken und Unternehmen während des BRICS-Meetings geschlossen bleiben müssen. Perfekte Bedingungen, um meinen Jetlag zu überwinden, mich mit der neuen Stadt vertraut zu machen und erste Kontakte zu knüpfen. Anschluss ist schnell gefunden: Zum einen sind die Chinesen Fremden gegenüber äußerst aufgeschlossen und zum anderen kommen viele „Expats“ nach Xiamen, die man dank der Alleskönner-App WeChat auch ziemlich schnell ausfindig machen kann.

Ohne die App WeChat lebt man hier eher kompliziert. Nicht nur wird so ziemlich alles über diesen Dienst organisiert – die App hat vor allem auch das Bezahlen mit Bargeld oder mit Karte abgelöst. Da fühlt man sich schon fast ein bisschen altmodisch.

Xiamen: Mein neues Zuhause

Ob Wanderungen zu Tempelanlagen, Fahrradtouren zum Strand mit anschließendem Genießen einer frischen Kokosnuss oder Tagesausflüge zu den Nachbarinseln Gulangyu und Kinmen (Taiwan) – die Freizeitgestaltung in Xiamen fühlt sich immer irgendwie nach Urlaub an. Dazu kommt, dass die Temperaturen geradezu zum Überwintern einladen. Bei meiner Ankunft im September wurde ich mit hochsommerlichen 32 Grad begrüßt – und selbst im Dezember konnte ich mich über angenehme 20 Grad freuen.

Xiamen ist sehr vielseitig: Da sind auf der einen Seite die glanzvollen und luxuriösen Hochhäuser, die nachts mit spektakulären Lichtspielen begeistern, teure Shoppingmalls und Flaniermeilen und auf der anderen Seite das traditionelle Xiamen mit Fisch- und Lebensmittelmärkten, kleinen Garküchen und viel Chaos. Nicht zu vergessen das Strandleben mit nächtlichen Lagerfeuern, Volleyballturnieren und Salsa-Nächten, das hippe Szene- und Studentenviertel „Shapowai“ oder die aufwendig restaurierten Gebäude im britischen Kolonialstil.

Tempel und Fischmärkte: Nur zwei Gesichter Xiamens © Alina Schuprin

Arbeitsalltag in China

Im Rahmen meines Traineeprogramms unterstütze ich meine Kolleginnen und Kollegen in Xiamen bei der Entwicklung von neuen Geschäftsmodellen, bei technischen Fragestellungen sowie bei Markt- und Konkurrenzanalysen. Zudem halte ich Produkttrainings ab, zu denen regelmäßig auch Kollegen aus anderen Ländern eingeladen werden.

So habe ich Gelegenheit, mit Menschen aus China aber auch Vietnam, Thailand, Südkorea, Japan, Philippinen sowie Taiwan zusammenzukommen und zu arbeiten.

Interessanterweise unterscheidet sich die Arbeit in China auf den ersten Blick nicht von der Arbeit in Deutschland. Auf den zweiten gibt es jedoch die eine oder andere Sache, die mich zum Schmunzeln und zum Staunen gebracht hat.

Meine Kollegen und ich auf vor dem Haupteingang von ABB in Xiamen© Alina Schuprin

Ich wurde gleich zu Beginn äußerst herzlich willkommen geheißen. Nur in der Kommunikation auf Englisch waren meine neuen Kollegen anfangs eher zurückhaltend. Doch nach einer kurzen Eingewöhnungsphase ist auch die sprachliche Barriere recht schnell gefallen.

Es gab mehrere Begrüßungs-Dinner und unzählige Vorstellungsrunden. Allgemein wird unter den Kollegen auch privat sehr viel miteinander unternommen: Man trifft sich zu Karaoke-Nachmittagen, Sportfesten, Ausflügen, „Hotpot“-Dinner und vielem mehr.

Meine Kollegen und ich auf Tour © Alina Schuprin

Die Arbeitskultur hier unterscheidet sich definitiv von der deutschen: Pünktlichkeit und Verlässlichkeit haben hier einfach nicht den gleichen Stellenwert. Dass sich Prioritäten ändern, Besuche beim Kunden verschieben oder Besprechungen länger dauern als geplant, ist völlig normal. Das stellt große Anforderungen an die Flexibilität. Insbesondere, wenn man „deutsche Organisation“ gewohnt ist.

Auch beim Wort „Maybe“ ist Vorsicht geboten. Übersetzt der Deutsche dies für gewöhnlich mit „vielleicht“, kann man in China mit fast vollständiger Sicherheit davon ausgehen, dass eine geplante Aktivität nicht stattfinden wird. Das hat auch damit zu tun, dass das Wort „Nein“ im Chinesischen gerne gemieden wird.

Erstaunt hat mich zudem das riesige Marktwissen der Kollegen in meiner chinesischen Abteilung. Das hat die Effektivität meiner Meetings und täglichen Arbeit besonders gesteigert.

Im Allgemeinen ist der Tagesablauf in China sehr geordnet. Nach einer 45-minütigen Fahrt mit dem Firmenbus werde ich pünktlich um acht Uhr mit motivierender Musik begrüßt. Die erste Tasse Kaffee habe ich mittlerweile durch Tee ersetzt. Um zehn Uhr beginnt eine ca. 15 minütige Lautsprecherdurchsage, die zum gemeinsamen Dehnen und Bewegen auffordert. Bis vier zählen konnte ich dadurch sehr schnell: „yī, èr, sān, sì“. Um Punkt 11:40 Uhr verlassen alle Kollegen fluchtartig das Büro, um in der Kantine nicht zu lange anstehen zu müssen. Wer bleibt, wird nur knapp fünf Minuten später wieder mit harmonischer Musik an die Mittagspause erinnert.

Nach einem zügigen Mittagessen gibt es einen Mittagsschlaf zum Regenerieren. Diese Zeit habe ich meistens draußen an der frischen Luft (Xiamen gehört zu den chinesischen Städten mit der besten Luftqualität) genossen. Um Viertel vor eins geht dann das Licht in den Büroräumen wieder an und die Arbeit wird wieder aufgenommen.

15:00 Uhr, Zeit für die zweite Sporteinheit des Tages! Es wird wieder gezählt: „yī, èr, sān, sì“. Um 17:00 Uhr ertönt erneut, für meinen Geschmack etwas zu melancholische, Musik – aber auch das hat natürlich eine Bedeutung: Feierabend.

Reisen, reisen, reisen – beruflich und privat

In den letzten Monaten bin ich unglaublich viel gereist. Gleich in der dritten Woche nach meiner Ankunft ging es zusammen mit meiner Führungskraft nach Südkorea, um die lokale Vertriebseinheit kennenzulernen und natürlich auch unsere Kunden zu besuchen. Eine sehr spannende und vor allem lehrreiche Reise. Neben dem Business habe ich dabei auch die südkoreanische Küche kennengelernt und kann sagen: Eine Reise dorthin lohnt sich allein schon wegen des fantastischen und vielseitigen Essens.

Kurz darauf ging es dann mit meinen chinesischen Kollegen für drei Tage nach Peking auf die Wind- und Solarmesse und gleich im Anschluss zu einem Kunden nach Wuxi, nahe Shanghai. Ein weiterer Kundenbesuch führte mich dann sogar noch ein zweites Mal nach Peking. Dieses Mal habe ich die Gelegenheit nutzen können, um meine Kollegen des Marketing Department kennenzulernen und mir die Fabrik für Hoch- und Mittelspannungsschaltanlagen zeigen zu lassen.

Natürlich habe ich es mir nicht nehmen lassen auch privat zu reisen. China ist fantastisch und hat mich kulturell, historisch, landschaftlich und kulinarisch positiv überrascht.

Unter den Städten hat mich vor allem Peking fasziniert. Ob Sommerpalast, Lama-Tempel, die verbotene Stadt oder der Beihai-Park mit seiner weißen Pagode … Es gibt so viel zu entdecken und zudem bietet die Stadt den perfekten Ausgangspunkt für einen Tagesausflug zur Großen Mauer.

Perfekte Wetterverhältnisse auf der Großen Mauer im Dezember © Alina Schuprin

Auch der Nationalpark Wuyishan, die Region um Guilin und Yangshou, die Erdhäuser (Tulou) in Fuijan sowie Hong Kong gehörten zu meinen Zielen. Zudem ging es für mich privat ein weiteres Mal nach Südkorea und nach Ho Chi Minh Stadt in Vietnam. Die Weihnachtsfeiertage und Silvester verbrachte ich in Kambodscha und während der Festtage zum chinesischen Neujahr reiste ich auf die Philippinen.

Es gäbe noch viel zu schwärmen. Aber da ist schon wieder diese melancholische Musik. Ich zähle wie immer mit: „yī, èr, sān, sì“ – und weiter geht’s!

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Über den Autor

Alina Schuprin

Ich bin seit dem 1. Januar 2017 Trainee in Ratingen für den Bereich Produktmarketing und Business Development Mittelspannungsprodukte. Im Traineeprogramm durchlaufe ich insgesamt vier Stationen. Das hat den Vorteil, dass ich neben meiner Zielposition, dem Produktmarketing, die Bereiche Produktmanagement und Business Development näher kennenlernen kann. Seit September 2017 arbeite ich am Produktionsstandort Xiamen in China. Zu mir als Person: Ich bin 27 Jahre alt, komme aus Cuxhaven und habe an der Technischen Universität Braunschweig Wirtschaftsingenieurwesen mit der Master-Vertiefung Energietechnik studiert. Das Reisen zählt zu meiner Leidenschaft. Im Urlaub verschlägt es mich daher oft nach Südostasien und nach Südamerika.
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