Sechs Monate im Land der aufgehenden Sonne

Ausblick aus meinem Büro in Tokio © Valentin Gay

Wie mich Japan mit seiner Kultur und Gastfreundschaft entzückt hat.

Nach einem ersten Assignment in Zürich war Japan das nächste Ziel meines Traineeprogramms. In Tokio bin ich verantwortlich für die Umsetzung einer neuen Strategie für Power Grids auf der Divisionsebene. Einige Details von meiner japanischen Erfahrung werde ich in den folgenden Abschnitten erzählen.

Über die japanische Arbeitskultur

Anders als in anderen japanischen Büros ist die Atmosphäre bei uns relativ entspannt und locker. Die Mitarbeiter werden ermutigt effizient zu arbeiten, um zu vermeiden, dass sie ihre Nächte im Büro verbringen müssen. Die Leute arbeiten aber trotzdem mehr Stunden als in Europa. Ausserdem ist die Hierarchie sehr wichtig und wird von allen respektiert. Was mir aufgefallen ist, dass jeder einen Anzug trägt und zwar immer. Ja, auch wenn es mehr als 30°C und extrem feucht ist.

Alles wird gemacht, wie es gemacht werden soll. Aber wer entscheidet, wie es gemacht werden sollte? Das muss ich noch herausfinden. Und alle anderen auch. Eines ist sicher, alle halten sich an die Spielregeln im japanischen Büro, auch wenn es manchmal keinen Sinn macht. Es geht aber nicht immer nur um Regeln. Es herrscht eine aufrichtige Bereitschaft die Arbeit auf die bestmögliche Weise zu machen, egal was und wie viel es braucht. Trade-offs sind nicht üblich. Wenn zweimal die Arbeitsbelastung erforderlich ist, um die Qualität der Produktion um 0,2% zu verbessern, wird von den Mitarbeitern auch erwartet zweimal die Leistung zu bringen. Und so wird es auch geschehen.

YuMi am Empfang bei ABB Tokio © Valentin Gay

Es scheint mir, dass Stellen geschafft werden, wo es eigentlich gar nicht notwendig wäre. An jedem Parkausgang steht ein Verkehrspolizist der bereit ist, die Autofahrer beim Ausparken zu unterstützen. Verkehrsstab bereit, Helm auf den Kopf geschraubt und eine fluoreszierende Weste über den Schultern. Sicherlich nützlich in einigen Fällen, aber furchtbar unnötig in den meisten Strassen, wo die Verkehrs- und Fussgängerflüsse nicht stärker als im charmanten Freienwil sind. Die gleiche Beobachtung machte ich bei Baustellen auf dem Bürgersteig. Ein Mann steht immer in der Nähe und benutzt seine funkelnde Armverlängerung um anzuzeigen, dass es besser ist an dem Loch in dem die Arbeiter arbeiten vorbei zu gehen, als sich hineinzuwerfen. Vielen Dank!

Trotz dieser Aussergewöhnlichkeiten funktioniert alles gut, die Arbeitslosigkeit ist inexistent und die Unsicherheit ist ein exotisches Konzept. Eine sehr interessante Erfahrung.

Über die Menschen und das Pendeln während den Stosszeiten

Mir wurde viel über japanische Bräuche und Höflichkeit erzählt. Ich tauchte im Büro auf und erwartete viel Beugen, höfliche Grüsse und keine körperlichen Kontakte. Zu meiner grossen Überraschung wurde mir ziemlich oft die Hand geschüttelt; ich wurde mit grosser Begeisterung begrüsst und sogar bei mehreren Gelegenheiten umarmt! Menschen bei ABB Japan sind sehr gastfreundlich und sympathisch, und man kann den Einfluss anderer Kulturen spüren, obwohl die Zahl der nicht-japanischen Leute im Büro gering ist. Man muss aber sagen, dass die Leute in Tokio im Allgemeinen sehr schüchtern und respektvoll sind. Als (sehr offensichtlicher) Ausländer fühle ich verschiedene Arten von Reaktionen auf meine Anwesenheit in Japan. Manche Menschen zeigen extreme Freundlichkeit und Gastfreundschaft, andere Gleichgültigkeit und Verachtung. Aufgrund der Sprachbarriere ist die Interaktion mit Japanern ausserhalb von ABB (ABB Mitarbeitende können gut Englisch) beschränkt. Ich bleibe von den Menschen in Tokio sehr fasziniert, genauso wie sie von mir fasziniert zu sein scheinen.

In Europa hören wir viele Legenden über überfüllte Züge und professionelle, weissbekleidete “Menschen-Anschieber” in Tokio. Das sind keine Legenden. Tausende von Menschen stehen auf den Plattformen und Treppen und drängen, um eine weitere Person in den Wagen zu quetschen. Sie schaffen es immer irgendwie, auch für die allerletzten noch aus dem Zug ragenden Körperteile, einen freien Platz zu finden. Die Japaner sind sehr höflich und schüchtern, aber im Zug während der Stosszeiten ist alles anders. Ziel ist, so schnell wie möglich von A nach B zu reisen, und es ist das Einzige was dann zählt. Mehrere Millionen Menschen müssen sich jeden Tag ein Zugnetz teilen. Es wird aber niemand wütend oder gestresst dabei. Es ist einfach so, wie es ist. Glücklicherweise kann man nicht umfallen. Man lehnt automatisch gegen die neun Personen, mit welchen man in Berührung kommt. Eine weitere lustige Sache über diese Züge ist, dass 90% der Menschen einen Anzug tragen. So viele elegant gekleidete Menschen zu sehen, die schwitzen, drängen, und ihre neu gebügelten Business-Kleidung ruinieren, ist ein witziges Gefühl. Zumindest am Anfang. Nach einer Weile merkt man aber, dass man Teil davon ist.

Mehr als Sushi

Als Essens-Liebhaber und leidenschaftlicher Koch, kann ich nicht glücklicher sein. Tausende von Restaurants kann man in jeder Nachbarschaft, jeder Strasse und fast jedem Gebäude finden. Japanisch, Chinesisch, Indisch, Italienisch, Französisch… Und früher habe ich gedacht, Japan habe nicht mehr als Sushi zu bieten. Frische Fische, endlose Fleischauswahl, Gemüse aller Farben, Formen, Grössen und Geschmäcker, von denen die meisten mir unbekannt sind, und unendliche Arten von Nudeln und Suppen. Es ist fast unmöglich, in Tokio hungrig zu sein. Weil Qualität und Respekt so tief in der Kultur verankert sind, sind schlechte Restaurants eine seltene Sache. Deshalb gibt es an den meisten Orten super Essen für relativ günstige Preise. Natürlich haben teure Restaurants ihren Preis. Aber, der Reichtum der Seele ist wichtiger als die Dicke der Brieftasche. Essen in Japan ist auch der perfekte Weg, um die motorischen Fähigkeiten der Finger zu verbessern. Essstäbchen können eine echte Herausforderung sein, aber Übung macht den Meister und es überrascht mich immer wieder, was man damit alles essen kann. Mit zwei einfachen, geraden Holzstäbchen kann man einen ganzen gegrillten Fisch bis zum letzten Fischknochen vollständig zerlegen. Ich habe noch einen weiten Weg vor mir bis ich die Stäbchen perfekt beherrsche, aber jede Mahlzeit bleibt ein fantastisches Vergnügen, eine kulturelle Entdeckung und eine sinnliche Reise.

Japanische Mittagspause © Valentin Gay

Was das Land der aufgehenden Sonne ausserhalb von Tokio zu bieten hat

Tokio ist nicht Japan. Es ist ein Paralleluniversum in diesem gigantischen Inselgebiet. Ich kann dazu nur sagen: das Land zählt endlose Schätze, gebaut oder naturbelassen, und die unaufhörliche Verrücktheit der ökonomischen Metropole findet man woanders nicht. Ausserhalb von Tokio ist alles ruhiger, langsamer und weniger hysterisch. Das Essen ist lecker und überall sind die Leute höflich. In Japan kann man die Welt neu entdecken, sei es in Osaka, Tokios berauschende kleine Schwester oder in Kyoto, Kulturhochburg und Freiluft-Zen-Heiligtum. In Hiroshima und den Inseln ist die Geschichte erschütternd und die Natur herrlich, fast so schön wie der Sonnenaufgang auf der Spitze des Fuji-sans, auf 3776 Meter über Meer. Ganz zu schweigen von der nördlichen Wildnis von Hokkaido mit seinen faszinierenden Bergen und Küsten.

Sonnenaufgang auf dem Fuji-san und die Hokkaido Berge © Valentin Gay

Dieses Trainee Assignment ist eine grossartige Erfahrung in persönlicher sowohl als auch beruflicher Hinsicht. Ich empfehle dringend dieses wunderbare Land zu besuchen, welches ich stark vermissen werde, wenn ich im November nach Hause komme.

Explorer Trainee Programm von ABB Schweiz
Das Swiss Explorer Trainee Programm fokussiert sich auf die praktische Ausbildung junger Absolventinnen und Absolventen im Ingenieurbereich mit bis zu anderthalb Jahren Berufserfahrung. Während drei «Assignments» à 6 Monaten, lernen die Trainees unterschiedliche Bereiche von ABB kennen. Sie gestalten das Programm aktiv selbst mit, in dem sie sich die «Assignments» selbst suchen und somit von Beginn an mitentscheiden, welchen beruflichen Weg sie während, aber auch nach dem Programm, einschlagen. Ziel eines Trainee Programms ist es, auf eine breite und auf einander abgestimmte Basis für die anschliessende Festanstellung bei ABB Schweiz hinzuwirken. Mehr Informationen findest Du hier.

 

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Über den Autor

Valentin Gay

Nach einem Bachelor in Materialwissenchaften an der EPFL, bin ich über den Röstigraben gesprungen und habe meinen Master im gleichen Studienfach an der ETHZ abgeschlossen. Im Oktober 2016 habe ich das Explorer Trainee Programm angefangen, mit einer ersten Station in der Projektleitung, bei PGHV-GCB in Oerlikon. Seit Mai 2017 bin ich im Rahmen meines Auslandsassignments in Tokyo stationiert. In Japan koordiniere ich die Durchführung einer neuen Strategie für die lokale Power Grids Division.
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