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Was kann man in Asien alles erleben? – Teil 3

Unser Trainee Viktor erzählt in drei Teilen von seinem Aufenthalt in Singapur und Asien. Im dritten und letzten Teil: Arbeitsalltag und Freizeit.

Seit April bin ich im Rahmen meines Trainee Programms in Singapur als «Commissioning Engineer» bei der lokalen Einheit «Industrial Automation Power Generation», welche ein ABB-Überbleibsel des Kraftwerksgeschäfts ist. Während das Generatoren- und Turbinengeschäft bei der Vorgängerfirma der ABB an Alstom verkauft wurde, hat ABB die Kraftwerk-Leittechnik in Form von ABB Ability Symphony Plus und 800xA behalten. In Singapur arbeiten wir vorwiegend an sogenannten «my Symphony Plus»-Lösungen für Gas, Dampf- oder Kombikraftwerke.

Als «Commissioning Engineer» sind meine Aufgaben die Vorbereitung und Durchführung von Abnahmeprüfungen («Factory Acceptance Tests»), Wartung von lokalen Serviceprojekten, und – ganz aktuell – die Inbetriebnahme unseres Prozessleitsystems für das Kohlekraftwerk Barapukuria 3 in Nordbangladesch.

Durch die Arbeit in Singapur und Bangladesch hatte ich Gelegenheit, mit Menschen aus unterschiedlichen asiatischen Ländern wie China, Indien, Vietnam, Malaysia, Indonesien, Philippinen, Korea, Japan sowie Taiwan zusammenzukommen, zu arbeiten und teilweise sogar zu wohnen.

Im Folgenden teile ich gerne ein paar meiner Eindrücke:

Leben und Freizeit

Wie beim Essen bietet Singapur auch im Bereich Freizeit ein genussvolles Leben: Zum Beispiel eine künstlich angelegte Freizeitinsel namens Sentosa mit Madame Tussauds, einem Universal Studios Freizeitpark, Stränden, einer Wasser-Lasershow und vielem mehr. Zudem ermöglichen die Stadtteile “Chinatown”, “Little India” und “Bugis”, die Wurzeln Singapurs zu erleben und sich das Leben in der (Post-)Kolonialzeit vorzustellen. Abends laden die Club- und Barmeilen “Clarke Quay” und “Holland Village” zum Feiern ein. Am Wochenende gibt es kostenlose Konzerte im Botanischen Garten und die “Southern Ridge” sowie die “Reservoir Parks” laden zum Schlendern ein. Mein persönliches „Natur“-Highlight ist der Zoo: Eine solche tier- und besucherfreundliche Anlage habe ich nirgendwo sonst gesehen.

Sportlich hat Singapur auch einiges zu bieten: Es gibt die “SportSG”-App, welche Liveübertragungen von kostenlosen und kostenpflichtigen Sportveranstaltungen von Futsal bis Yoga ermöglicht. Mit ABB-Kollegen spiele ich am Wochenende Grossfeld-Fussball; unter der Woche ziehen wir abends im Swimming-Pool Bahnen und gelegentlich gehen wir mit dem Expat-Rugbyclub ins Fitnessstudio.

Wenn man selbst keinen Sport treiben möchte, kann man im klimatisierten National Stadium Fussballspiele von FC Bayern, Inter Mailand oder FC Chelsea sehen, ein Rugbyspiel mitverfolgen oder zum weltweit einzigen Formel 1 Grand Prix Nachtrennen gehen.

Ein Rugbyspiel in Singapur © Viktor Lenz

Die Singapurer machen in ihrer Freizeit vor allem eins: Shoppen. Je nach Budget und Abenteuerlust entweder im edlen Marina Bay Sands oder im Mustafas, dem charmant-chaotischen Kaufhaus in “Little India”.

In Bangladesch gibt es deutlich weniger Freizeitangebote im Umkreis unseres Kraftwerks. Meine chinesischen Arbeitskollegen verbringen den Feierabend in der Regel mit den Kartenspielen „Dou dizhu“ oder “Mahjong” (das geht eigentlich ganz anders als ich es von Windows 95 kenne!) beziehungsweise mit sportlichen Aktivitäten wie Basketball, Pingpong oder Badminton auf den hauseigenen Plätzen. Man ist sehr offen und lädt mich jeweils zum Mitspielen ein.

Wenn ich mal keine Lust auf Geselligkeit habe, gibt es im TV zwei chinesische Sender, welche 24 Stunden am Tag Hollywoodfilme mit chinesischen Untertiteln zeigen. Entsprechend kommt unter der Woche kaum Langweile auf und das überlastete Internet stört auch nur bei Internettelefonaten in die Heimat.

An den Wochenenden gibt es deutlich weniger zu tun, da die meisten Chinesen an sieben Tagen die Woche arbeiten. Ich nutze diese Zeit oft für den Zimmerputz und einen kurzen Ausflug in das nahe gelegene Dorf. Dort gibt es verschiedene Kioske, die von Zahnbürsten über Reiskocher, Shampoos, Süssigkeiten, Traubensaft bis Handyakkus alles Mögliche anbieten.

Vergangene Woche habe ich mich mit zwei chinesischen Kollegen zum Dorffriseur getraut. Preis: 100 Taka. Das entspricht etwa einem Euro bzw. Franken. Ich habe noch Trinkgeld gegeben und trotzdem hatte ich ein schlechtes Gewissen, da der Schnitt sehr gründlich war und ich schon oft deutlich mehr für deutlich weniger Qualität bezahlt habe.

Ein Kiosk im Dorf und Friseur-Besuch in Bangladesch © Viktor Lenz

Das Freizeit-Highlight fand vergangenen Mittwoch, als der Projektdirektor aus China zur Anlage kam, statt. Es gab eine Willkommensfeier mit einem sehr ausgiebigen Abendessen, bei welchem ich die chinesische Trinkkultur kennen gelernt habe: Immer gemeinsam und auch immer das Glas leer trinken. Ausserdem sollte man beim Anstossen das Glas möglichst mit beiden Händen und vor allem bei Ranghöheren tiefer als das des Gegenübers halten.

Arbeitsalltag

In Singapur arbeite ich in einer Abteilung, welche mit etwa 70% indischen Kollegen sehr untypisch für die Firma und das Land ist. Ich habe den Eindruck bekommen, dass man in der indischen Arbeitskultur eher gewillt ist Informationen zu teilen und Probleme zu diskutieren, als ich es mit chinesisch geprägten Kollegen in Bangladesch erlebt habe. Andererseits geben die indischen Kollegen deutlich weniger auf einen gepflegten Outlook-Kalender (oder Meeting-Einladungen). Da ist jeweils persönliche Flexibilität sehr gefragt.

Ausserdem hat sich das Klischee von Präsenz über Effizienz am Arbeitsplatz auch in Singapur, vor allem in anderen Einheiten durch deren Büros ich regelmässig gelaufen bin, bestätigt. Ein Aushang über die „Mitarbeiter des Monats“, welcher die Mitarbeiter nach Produktivität basierend auf der rapportierten Engineering- und Site-Activity Stunden aufgelistet hat, ohne dabei die projektierten Stunden oder das Budget mit einzubeziehen, ist für mich ein Sinnbild der von mir beobachteten Arbeitsmentalität.

Meine eigene Arbeit macht mir viel Spass. Ich durfte in meinen ersten vier Monaten an einem kompletten Werksabnahme-Zyklus für ein Leitsystem teilnehmen. Ich konnte bei allen Phasen der Werksabnahme dabei sein: Aufbau und Installation der 15 Workstations, Abnahme der Regelungsschränke von unserem Zulieferer, Schleifenprüfung und Überarbeitung der graphischen Benutzeroberfläche, die das Kraftwerk darstellt, Präsentation der Prüfergebnisse und der Benutzeroberfläche und schlussendlich Einpacken der Workstations für die Logistikfirma. Ausserdem konnte ich unserem Projektmanager hinsichtlich der Projektdokumentation zur Hand gehen und mir Claim Management-Strategien mit dem Kunden anschauen. Gleichzeitig habe ich ein paar Verbesserungsmöglichkeiten in den Arbeitsprozessen und -tools identifiziert und zusammengefasst, die wir nach meiner Rückkehr aus Bangladesch hoffentlich diskutieren und umsetzen können.

Wie für mein Aufenthalt geplant, wurde ich von meiner Einheit Mitte Juli für die Unterstützung einer Kraftwerksinbetriebnahme für mindestens einen Monat nach Bangladesch geschickt. Es handelt sich um ein Kohlekraftwerk, das direkt neben zwei älteren Kraftwerken, welche ebenfalls mit ABB-Leittechnik ausgestattet sind, gebaut wird.

Das Kraftwerk in Bangladesch aussen und innen © Viktor Lenz

Nicht nur das Projekt, sondern auch die Projektorganisation ist sehr spannend: Das Projektmanagement der ABB sowie der leitende Ingenieur sind in ABB Singapur, während das Design und Engineering sowie die Inbetriebnahme von ABB China umgesetzt werden. Das ist durchaus praktisch für die Kommunikation zwischen ABB-Ingenieur und Kunde, umso komplizierter jedoch für die interne Koordination zwischen Projektmanagement und Ingenieur.

Der Grossteil der Chinesen, mit denen ich täglich in Kontakt bin, spricht kein bis sehr wenig Englisch. Bei denen, die Englisch sprechen, kommt es oft zu Verständnisschwierigkeiten. Aber man gewöhnt sich an alles. Mit Hilfe gegenseitiger Bemühung versteht man sich immer irgendwie. Es ist sehr aufregend, ein Kraftwerksbau mit der gesamten Technik und den verschiedenen Anlagen kennenzulernen sowie das Aufeinanderprallen verschiedener Kulturen bei der Arbeit zu beobachten. Es werden rhythmische Arbeitslieder gesungen, während Schläuche durch die fünf Meter hohen Leitungsschienen gezogen werden. Das Treppenhaus, der Kontrollraum und die Turbinenhalle werden acht Stunden am Tag durchgehend gefegt, da ständig Schlamm und Staub mit den Schuhen hinaufgetragen werden.

Ich verbringe den Grossteil meiner Zeit im Kontrollraum, in welchem wir die Steuerungslogik und die grafische Benutzeroberfläche nach wechselnden Anforderungen der Betreiber modifizieren und uns um die Einbindung neuer Mess- und Steuersignale kümmern. Also ähnlich der Arbeit, die ich aus Singapur kenne, nur dass die Signale auf dem Bildschirm jetzt echt und nicht mehr simuliert sind, und die Knöpfe tatsächlich schon Gerätschaften in Betrieb setzen.

Besonders freue ich mich deshalb über jede Gelegenheit, Ausflüge in verschiedene Sektoren wie die Turbinenhalle, die Kühltürme oder Kühlwasserpumpen, bei welchen ich dann an den angebrachten Messinstrumenten und Ventilen die Markierungen und Kennzeichnungen aus unserem Kontrollsystem wiederfinden kann, zu machen. Das hilft mir, das Kraftwerk, welches ich nur von Papier und Bildschirm kenne, besser zu verstehen.

Für meine verbleibende Zeit plane ich noch einen Ausflug nach Shanghai, um mich mit meinem Trainee-Kollegen Valentin zu treffen und um ABB Robotik zu sehen, sowie ein Wochenende in Hanoi, um meine beiden ehemaligen Mitbewohner zu besuchen. Wenn alles klappt, würde ich auch noch ein bisschen Urlaub in Australien machen – ich muss es ja noch auf die Südhalbkugel schaffen. So nah wie jetzt war ich dem Äquator noch nie.

Dies war Teil 3 meines Blogs. Gerne möchte ich nochmals unterstreichen, dass alle Wahrnehmungen von Begegnungen und Erlebnissen auf persönlicher Wertvorstellungen beruhen. Ich kann jedem empfehlen, diese Region selbst zu bereisen und zu erleben.


Ihr wollt Teil 1 dieser Blogserie lesen? Klickt hier.

Ihr wollt Teil 2 dieser Blogserie lesen? Klickt hier.

Willst du sehen, was ich aktuell während meinem Auslandaufenthalt in Singapur und Bangladesch erlebe? Dann folge ABB Schweiz auf Snapchat unter dem Namen „abbswitzerland“. Ich werde dort vom 14. bis 20. August täglich meine Eindrücke mit unseren Followern teilen.

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