Das Beste zum Schluss!

Service-Einsatz auf einem Frachter in der Norderwerft. © Michael Kaersten

Die neun Monate vergingen wie im Flug. Zum Abschluss stand mit dem Trip zur Service-Stelle von ABB Turbo Systems in Hamburg ein Highlight an!

In meinem Arbeitsalltag sitze ich vor dem Computer, führe Motorsimulationen durch, analysiere die Resultate, versuche Zusammenhänge zu verstehen und jongliere mit Datensätzen. Das ist für einen Ingenieur sehr spannend und interessant, doch wenn man dabei dem Turbolader nur in Form von Kennfeldern und Piktogrammen auf dem Bildschirm begegnet, kann man schon etwas den Bezug zum realen, handfesten Produkt verlieren. Was könnte da besser Abhilfe schaffen als eine Woche in der Werkstatt und auf dem Schiff, um aus erster Hand zu erfahren, wie unsere Turbolader gewartet, instandgehalten und bei Bedarf repariert werden?

In der Werkstatt…

Die Service-Station in Hamburg ist eine der grössten des weltweiten ABB-Netzwerks und beschäftigt rund 50 Leute. Die Belegschaft besteht einerseits aus der Werkstatt-Crew und andererseits aus der Logistik-, Verkaufs- und technischen Supportabteilung sowie dem Management. Aufgrund der Nähe zum Hamburger Hafen sind ein Grossteil der Kunden Schiffsbetreiber, d.h. die Turbolader “zwangsbeatmen” die Dieselmotoren von Fracht- und Containerschiffen sowie von Öltankern. Daneben ist ein substantieller Teil der betreuten Turbolader-Population auf Biogas-Anlagen im Einsatz. Während der Woche in Hamburg durfte ich in der Werkstatt praktische Erfahrung sammeln und die gesamte Prozesskette erleben.

Auf dem linken Bild ein schönes, sauberes Ausstellungsstück vor der Service-Stelle in Hamburg; auf dem rechten Bild etwas staubiges, schmutziges und öliges (ich!) und das Lagergehäuse eines Turboladers vor dem Sandstrahlen © Pol Duhr

Die zur Wartung angelieferten Turbolader werden zuerst demontiert und auseinander genommen. Weil Schweröl ein gängiger Treibstoff für Schiffsdiesel ist, hat der Zustand der Turbos nichts mit jenem Lader zu tun, den ich in der Fabrik gesehen hatte: durch Ablagerungen sind die Teile stark verschmutzt.  Die Situation wird mit Fotos für den Kunden dokumentiert und dann steht zunächst Reinigen auf dem Programm. Dies geschieht mit Laugenbädern, in einer grossen Waschmaschine und teilweise in mühevoller Handarbeit. Danach werden einige Teile sandgestrahlt. Anschliessend wird ein Befund der einzelnen Komponenten durchgeführt, das heisst es wird überprüft, ob die Abmessungen der Gleitlager, von Verdichter- und Turbinenrad, Diffusor und Düsenring noch innerhalb der vorgeschriebenen Toleranzen liegen. Für verschlissene oder kaputte Teile wird Austausch im Lager bestellt. Es folgt die Montage: der Rotor, das heisst die Welle mit Verdichter- und Turbinenrad wird ausgewuchtet und dann wird das ganze Puzzle wieder zusammengesetzt und im Gehäuse des Turbos verbaut. Danach wird der Turbolader wieder zum Kunden zurückgeschickt und läuft (hoffentlich) bis zum nächsten vorgeschriebenen Wartungsintervall fehlerfrei.

Unter der freundlichen und geduldigen Anleitung von einigen erfahrenen Monteuren und Mechanikern konnte ich bei all diesen Schritten tatkräftig mithelfen. Natürlich hat es aufgrund meiner Unerfahrenheit dann manchmal etwas länger gedauert, bis der Turbolader wieder komplett war. Es gilt wie überall: Übung macht den Meister!

Mit den Kollegen in der Service-Werkstatt in Hamburg © Pol Duhr

Sehr beeindruckt haben mich die saubere und klar strukturierte Werkstatt, die gut durchorganisierten Arbeitsprozesse und das grosse Wissen der Belegschaft. Man bekommt bei der Arbeit auch ein gutes Gefühl für die Grössenordnungen. Während die grössten Turbolader, die auf riesigen Schiffsdieselmotoren zum Einsatz kommen, ein Gewicht von mehreren Tonnen und einen Durchmesser von fast zwei Metern haben und demzufolge nur mit Hilfe eines Krans zu handhaben sind, kann man Rotor und Gehäuse der kleinsten Modelle von Hand tragen.

…und auf dem Schiff

Einen Vormittag verbrachte ich mit zwei Monteuren auf einem Frachtschiff in einer Werft, denn wenn das Schiff nur für kurze Zeit im Hafen liegt, muss der Service und der Austausch von Teilen an Ort und Stelle durchgeführt werden. Time is money! Der Maschinenraum eines solchen Schiffes ist ein viel beengteres, gefährlicheres und anstrengenderes Arbeitsumfeld als die bestens organisierte Werkstatt. Wir besuchten auch ein voll funktionsfähiges Museumsschiff im Hamburger Hafen, die «Cap San Diego». Es ist mit einem riesigen Zweitakt-Dieselmotor von MAN ausgestattet, welcher über 669 Liter Hubraum verfügt und 11650 PS leistet (zum Vergleich: ein üblicher Dieselmotor in einem Kompaktwagen hat 2 Liter Hubraum und 150 PS). Der Motor erstreckt sich über drei Decks und ist so hoch wie ein Haus – alles ist ein paar Nummern grösser als beim Motor eines Auto. Oben drauf sind drei ABB Turbolader montiert, welche die nötige Frischluft in die Brennräume pressen. Meine Begleiter haben früher auch solche Motoren gewartet und konnten interessante technische Anekdoten zum Besten geben.

Links: Im Vordergrund der funkelnagelneue ABB-Turbolader, im Hintergrund der Schiffsdieselmotor. Rechts: die Schiffsschraube der Cap San Diego © Pol Duhr

Natürlich kam auch der touristische Teil nicht zu kurz: bedingt durch die (sehr) frühen Arbeitszeiten, welche zwar meinem natürlichen Studenten-Biorhythmus gänzlich zuwiderliefen, hatte ich die Nachmittage zur Verfügung um Hamburg zu erkunden. Ich habe wirklich nichts ausgelassen: Binnenalster, Elbphilharmonie, Rathaus, Blankeneser Treppenviertel, Altona, Elbufer, Speicherstadt, St. Michaelis-Kirche („Michel“), Hafen-Terminals, Landungsbrücken, Reeperbahn, Musicals – diese schöne Stadt hat sehr viel zu bieten und ist definitiv eine Reise wert!

Vom Hamburger „Michel“ aus blickt man über Elbe, Speicherstadt und die neue Elbphilharmonie. Rechts das prächtige Hamburger Rathaus © Pol Duhr

Danke für die gute Zeit!

Zum Abschluss möchte ich noch all jenen Leuten danken, die ich bei ABB kennengelernt habe und die dieses Praktikum zu einer tollen und lehrreichen Erfahrung gemacht haben: meinem Betreuer Claudio, den Kollegen in der Abteilung, Marcel, der all die tollen Specials organisiert hat, meiner Mentorin Jasmin, den anderen Praktikanten auf unserer Etage, den Trainees, der Werkstattbelegschaft in Hamburg und vielen mehr. Wenn die weiteren 40 Berufsjahre auch nur halb so ereignisreich werden wie dieses neunmonatige Praktikum, dann steht mir eine spannende Zeit bevor!

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Über den Autor

Pol Duhr

Ich bin 23 Jahre alt und komme aus Luxemburg. Seit nun schon vier Jahren lebe ich in der Schweiz und studiere Maschinenbau an der ETH Zürich. Im Moment absolviere ich das Masterstudium mit Schwerpunkt auf der Thermodynamik und Regelung von Verbrennungsmotoren. Insofern war es naheliegend, sich bei ABB Turbo Systems für ein Praktikum zu bewerben, da man dort grosse Expertise auf diesem Gebiet hat. Ich bin sehr glücklich, dass ich dann sogar die Stelle als „Traumpraktikant“ in der Abteilung Turbocharging Solutions erhalten habe. Ich hoffe, dass ich meinen achtmonatigen Aufenthalt bei der ABB nutzen kann, um mich nicht nur fachlich weiterzubilden, sondern mich auch besser zu vernetzen und viele neue Kontakte zu knüpfen. In meiner Freizeit verausgabe ich mich oft mit meinen Freunden im Badminton-Training und im Winter liebe ich es, Ski zu fahren. Daneben spiele ich gerne Klarinette und bin an allem interessiert, was mit sportlichen Autos oder Motorsport zu tun hat.
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