Entwurf eines Weltunternehmens mit Bleistift und Radiergummi

Personal des Turbinenfabrik TF- und Motorenfabrik MF-Versuchslokals und Montagebüros BBC Baden. © ABB Archiv

Wie kam es zur Gründung von BBC? Und warum genau in Baden? Unser Archivar ging diesen Fragen nach und entdeckte einen Originalplan aus dem Jahr 1891.

Charles Eugene Lancelot Brown trat 1884 im Alter von 21 Jahren in die Maschinenfabrik Oerlikon MFO ein und übernahm schon kurz darauf die Leitung der elektrischen Abteilung. Zu Beginn beschäftigte er sich hauptsächlich mit Fragen der neu aufkommenden elektrischen Beleuchtung. Ein Jahr nach Brown kam Walter Boveri – 20 Jahre jung – als Volontär zur MFO. Bereits im folgenden Jahr wurde ihm die Leitung der Montage und Inbetriebnahme von Browns epochaler Stromübertragung von Kriegstetten nach Solothurn übertragen. Später erkannte er auf Handelsreisen in diverse Länder die Zukunftsperspektiven, welche einem gut geführten Unternehmen in der Elektrizitätsbranche offenstanden. Im Geheimen begannen Brown und Boveri mit der Planung ihres eigenen Startups. Brown verhielt sich vorderhand vorsichtig und erwartete von Boveri, dass dieser die Finanzierung selber auf die Beine stellte.

Knackpunkte Finanzierung und Standortwahl

Boveri legte sich ins Zeug und versuchte über mehrere Jahre vergeblich, das Geld aufzutreiben – Banken und Industrielle in der Schweiz und Deutschland winkten ab. 1890 schlossen Brown und Boveri dennoch einen Kooperationsvertrag für ihr zukünftiges Unternehmen ab und Boveri verliess die MFO, um sich ganz dem eigenen Projekt widmen zu können. Ein glücklicher Zufall löste schliesslich die Finanzierungsfrage: Boveri verlobte sich mit Victoire, Tochter des innovationsfreudigen Seidenunternehmers Conrad Baumann. Vater Baumann stellte den beiden Ingenieuren eine halbe Million Franken (heutiger Wert über 10 Millionen) zur Verfügung – das Kapital für ein eigenes Unternehmen war vorhanden!

Parallel zur Geldsuche kümmerte sich Boveri auch um die Standortwahl. Konkrete Angebote lagen aus Basel und Zürich vor, sie wurden aber als zu teuer betrachtet. Nun kam es erneut zu einer glücklichen Fügung. Die Brüder Carl und Louis Theodor Pfister aus Baden waren begeistert von den Möglichkeiten der elektrischen Beleuchtung und wollten diese Errungenschaft unbedingt in ihre Heimatstadt – insbesondere in die stark frequentierten Hotels im Bäderquartier – bringen. Sie wandten sich daher an Brown und Boveri. Als Argumente für den Standort Baden führten sie ein geeignetes Areal mit genügend Landreserven, einen günstigeren Preis und potentielle Arbeiterschaft in der umliegenden ländlichen Gegend auf. Noch viel wichtiger war aber die Aussicht auf einen ersten Grossauftrag, nämlich die Ausrüstung eines Wasserkraftwerkes, welches Strom für die Beleuchtung der Stadt Baden liefern sollte.

Originalplan aus Gründungszeit «wiederentdeckt»

Am 23. Februar 1891 besichtigten Brown und Boveri das Areal im Haselfeld in Baden. Noch gleichentags fiel der Entscheid zugunsten dieses Standorts. Die Gebrüder Pfister erteilten ihnen den Auftrag für zwei Generatoren, Transformatoren und das gesamte Verteilnetz in der Stadt Baden – noch bevor das Unternehmen überhaupt existierte! Als eigentlicher Gründungsakt erfolgte am 2. Oktober der Eintrag des Unternehmens unter dem Namen «Brown Boveri & Cie.» als Kommanditgesellschaft im Handelsregister des Kantons Aargau. Nun ging es an die konkrete Planung.

Plan Haselfeld 1:1000 von 1891 © ABB Archiv

Zu diesem Thema wurde kürzlich im Historischen Archiv ABB Schweiz ein Originalplan «wiederentdeckt». Er war letztmals 1972/73 anlässlich der Ausstellung «BBC-Dokumente aus den Gründerjahren» im Historischen Museum im Landvogteischloss in Baden der Öffentlichkeit zugänglich gemacht worden. Anschliessend schlummerte er über vierzig Jahre in einer Schachtel vor sich hin.

Beim Plan handelt es sich zu allererst um eine Kopie des Katasterplans vom Stadtarchiv Baden im Massstab 1:1000, welche im April 1891 angefertigt wurde. Ersichtlich sind die beiden ersten Grundstücke, welche BBC auf dem Haselfeld gehörten. Im Norden schliesst sich daran das Grundstück Nummer 1 von Dr. H. Nieriker an. Dort entstand später die Turbinenfabrik und auch die legendäre Halle 30 erstreckte sich in diesen Bereich. Östlich ist das Areal durch die Bahntrasse begrenzt. Damals gehörte letztere noch der Schweizerischen Nordostbahn NOB, heute den Schweizerischen Bundesbahnen SBB. Auch heute noch bildet das Geleise den Abschluss des Areals, wenngleich auch jenseits davon Komplexe der Industrie entstanden sind. Im Süden wird das Gebiet begrenzt durch mehrere Grundstücke, welche im Verlauf der Zeit ebenfalls an die BBC fielen. In diesem Bereich entstanden später das Hochspannungslabor, die Transformatorenfabrik (Halle 37, heute «Trafohalle») und das Zentrallabor. Auf der westlichen Seite schliesst die heutige Bruggerstrasse an das Gebiet an. Das Wachstum der BBC setze sich später auch auf der anderen Seite der Strasse fort, bis das ganze Haselfeld überbaut war. Durch diesen Platzmangel entstanden in den 1960er Jahren in Birr und Turgi Aussenstandorte.

Bleistift und Radiergummi: Anfänge eines Weltunternehmens

Bemerkenswert ist, wie die Firmengründer ihre beiden Grundstücke möglichst effizient ausnutzen wollten. Sie zeichneten mit Bleistift mögliche Lösungen ein, verwarfen sie, radierten die Linien aus und machten neue Vorschläge. Das spätere Weltunternehmen wurde also gewissermassen mit Bleistift und Radiergummi entworfen.

Noch 1891 begann der Bau der Fabrikanlagen auf dem Haselfeld. Der Bezug der Fabrik mit Giesserei, Portierhaus und Magazin erfolgte in den beiden ersten Monaten des Jahres 1892.

Um den unglaublichen Wandel nachvollziehen zu können, wird auf den Fabrikplan von 1956 verwiesen:

Situationsplan der Brown Boveri Fabrikanlagen, 1956 © ABB Archiv

Quelle:

Lang, Norbert: Charles E. L. Brown 1863-1924, Walter Boveri 1865-1924. Gründer eines Weltunternehmens. Meilen 2000. (Schweizer Pioniere der Wirtschaft und Technik Bd. 55, 2. Auflage)

Kategorien and Tags
Über den Autor

Tobias Haudenschild

Ich arbeite als wissenschaftlicher Archivar und Berater für Informationsmanagement bei docuteam in Baden. Unter anderem betreuen wir das Historische Archiv ABB Schweiz, welches aktuell rund einen Kilometer Papierakten und etwa eine halbe Million Fotografien sowie dutzende Filme umfasst. Immer mehr kommen auch digitale Objekte (Bilder, Videos, Texte) dazu. Hauptsächlich stelle ich Kunden (Historiker, Studenten, Schüler, Journalisten, Familienforscher usw.) Unterlagen bereit, damit diese ihre Recherchen machen können. Dabei stosse ich immer wieder auf spannende Dokumente, welche noch nicht erschlossen, d.h. im Archivverzeichnis aufgeführt, sind. Zuhause bin ich in Baden, in meiner Freizeit spiele ich Eishockey.
Kommentiere diesen Blogbeitrag