Hej, välkommen i Sverige!

Västerås aus Seesicht © Claudia Beyß

Lust auf eine Reise mit unserer neuen Trainee-Angestellten?

Der Waggon neigte sich in die Kurve. Draußen erstreckte sich eine schöne Landschaft, der Zug donnerte durch die frischgrünen Wiesen und Wälder nordwestlich von Stockholm. Der Mälarensee schimmerte in seiner glitzernden Pracht durch die Bäume hindurch.

Der Mann, der kein Mörder war, Michael Hjorth & Hans Rosenfeldt

Ganz so malerisch wie in diesem Krimi war meine Anreise nach Västerås am Mälaren Anfang April leider nicht. Denn vor Mai besticht Schweden hauptsächlich durch eine breite Vielfalt von verregneten Grau- und Brauntönen. Dafür erwartete mich in Västerås auch kein Tatort, sondern mein zweites Assignment als Trainee bei ABB.

Romantische Roboter

Wer bei ABB arbeitet und Roboter liebt, der kommt an Västerås nicht vorbei. Hier, das heisst etwa 100 Kilometer westlich von Stockholm, wurde 1974 der weltweit erste vollständig elektrisch angetriebene und mikroprozessorgesteuerte Industrieroboter vorgestellt. Das war noch zu Zeiten von ASEA, dem A in ABB.

Als Geburtsort von Yumi ist Västerås aber auch heute noch das Herz der Roboterentwicklung und -produktion von ABB.

Im Rahmen des Traineeprogramms arbeite ich hier in der Abteilung für Forschung und Entwicklung an einem Projekt zur thermischen Modellierung und Verifizierung von Motoren. Konkret untersuche und optimiere ich ein Modell zur Simulation der Temperaturentwicklung in den Servomotoren unserer Roboter. Langfristig soll dadurch die Motorenauswahl in frühen Phasen des Entwicklungsprozesses verbessert und die zugrunde liegenden Kriterien angepasst werden.

Bei der Verifizierung meines Modells hilft mir nicht irgendein Roboter, sondern ein IRB 8700. Das ist der grösste, und in meinen Augen auch der beeindruckendste Roboter, den ABB je entwickelt hat. Mit einem maximalen Payload von 800 kg und eine Reichweite von bis zu 4.2 m, kann dieser Roboter beispielsweise zur Hochzeit von Karosserie und Chassis in der Automobilfertigung eingesetzt werden. Das lässt das Herz einer Ingenieurin ganz einfach höher schlagen.

IRB 8700 mit Fan © R. Fronda-Erkki
IRB 8700 mit Fan © R. Fronda-Erkki

Sommerpause

Im Juli fällt die Arbeitswelt von Schweden, allem Enthusiasmus zum Trotz, in eine Art Dornröschenschlaf. Das Büro ist bis auf ein, zwei einsame Gestalten leer, der Bus fährt nur noch jede halbe Stunde und sogar die Kantine bleibt geschlossen. Dieser kollektive Stillstand ist für Nicht-Schweden gewöhnungsbedürftig, hat hier aber Tradition. Es sind eben Sommerferien. Und die verbringen die Schweden am liebsten beim Segeln im Schärengarten, beim Wandern im Norden oder natürlich im eigenen Sommerhaus.

Erst Anfang August mit der kräftpremiär kehrt das Leben so langsam zurück. Das ist die Eröffnung der Fangsaison für Flusskrebse, die mit der traditionellen kräfteskiva gefeiert wird. Einfach ausgedrückt ein Krebsessen, eigentlich aber ein Kinderfest für Erwachsene. Anders kann man die Dekoration mit Lampions, Girlanden, Lichterketten und die für alle obligatorischen Papphütchen jedenfalls nicht erklären.

Und obwohl die Schweden es sonst mit allen Arten von Regeln nicht sonderlich eng nehmen, wird es bei bei den snapsvisor (Trinkliedern) plötzlich ernst: Alle müssen mitsingen – auch ich, obwohl ich weder Text noch Melodie kenne – und zu jedem Lied gehört ein halbes Glas snaps.

Bei allen schwedischen Festen wird viel gesungen und dementsprechend auch getrunken. Aber wenn man sich am nächsten Tag doch mal nicht so taufrisch fühlt, dann ist nicht etwa das ein oder andere Gläschen Aquavit zu viel schuld. Zu Mittsommer isst man Lachs mit Dillkartoffeln, die Flusskrebse werden mit Dillblüten gekocht und an Weihnachten gibt es Krabbensalat mit Dill – es muss also eindeutig am Dill liegen.

Flusskrebse, vorher – nacher © C. Beyß
Flusskrebse, vorher – nacher © C. Beyß

Zlatanera 

Aber nicht nur zum Singen hat sich für mich gelohnt, Schwedisch zu lernen. Jetzt weiss ich, warum mein Nachname Beyß (gesprochen [ˇbajs]) hin und wieder für ein Schmunzeln sorgt, und dass Vill du fika? eine ganz harmlose Frage nach einer gemeinsamen Kaffeepause ist. Ausserdem offenbart sich eine Kultur auch immer in ihrer Sprache.

Pragmatisch wie die Schweden nun mal sind, wird meistens so geschrieben, wie man spricht: Ob man jetzt auf dem fåtölj (Fauteuil/Sessel) oder der schäslong sitzt, beim gratäng oder beim resonemang – da bleibt kein Platz für französische Befindlichkeiten. Stets um Integration bemüht, wird dabei häufig auch der ursprüngliche Wortlaut geborgt. Wenn eine Deutsche nach einem Fuchsschwanz fragt, kann ein Schwede ganz problemlos mit einem fogsvans aushelfen. Gleiches gilt umgekehrt auch für den besserwisser.

Und nicht nur bei mobilen Parktickets und bei der Abschaffung des Bargelds sind die Schweden sehr fortschrittlich, sondern auch bei ihrer eigenen Sprache. So beschäftigt sich das Institutet för språk och folkminnen (Institut für Sprache und Folklore) mit der Bewahrung, aber auch der Weiterentwicklung der schwedischen Sprache. Jährlich werden neue Wörter in die Svenska Akademiens ordlista, dem offiziellen schwedischen Wortschatz, aufgenommen. Das schönste Fundstück ist für mich das Verb zlatanera. Entstanden nach dem fantastischen Tor von Zlatan Ibrahimovic gegen Frankreich in der Europameisterschaft 2012, bedeutet es „mit Kraft Grosses erreichen“. Womit wir wieder beim IRB 8700 wären.

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Über den Autor

Claudia Beyß

Mit Zwischenstationen in Frankreich, Mexiko und der Schweiz habe ich an der RWTH Aachen Maschinenbau und Automatisierungstechnik studiert. Nach Zürich kam ich für meine Masterarbeit und bin als ABB Explorer Trainee geblieben. In meinem ersten Assignment bei ABB Semiconductors in Lenzburg habe ich als Projektmanagerin ein internes Automatisierungsprojekt begleitet. Derzeit arbeite ich in der Forschung und Entwicklung von ABB Robotics in Västerås und habe hier meine Leidenschaft für den Laufsport und die schwedische Sprache entdeckt. Meine nächste Station führt mich zurück in die Schweiz, genauer nach Oerlikon zu den gasisolierten Schaltanlagen. Es bleibt also spannend!
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