Trainee berichtet über Roboter Entwicklung in Shanghai

Finde heraus wie ein Aufenthalt in Shanghai die ostasiatische Kultur mit der Entwicklung einer Applikation eines Roboters verbindet.

Das Kleinräumige der Schweiz wirkt seltsam nach einem langen Aufenthalt in China. Neben den enormen, vielspurigen Autobahnen, den quadratkilometergrossen, wirren Landschaften aus Hochhäusern und den Menschenmassen der dortigen Städte wirken unsere Hauptstrassen, Schulhäuser, Gärtchen und Züglein, als wären sie vom Planer eines Vergnügungsparks so schön und harmonisch angeordnet worden.

Doch China beeindruckt längst nicht mehr nur durch seine Grösse. Auch die erfinderische und unternehmerische Dynamik in den Metropolen wie Shanghai, Beijing und Shenzhen imponiert. Immer mehr Menschen sind gut ausgebildet und verstehen es, das Potential von Technologie zu nutzen. Gepaart mit Freude am Neuen, einem Spieltrieb und der Lust am Experimentieren führt dies zu spannenden Entwicklungen. So habe ich beispielsweise in China kaum Bargeld benutzt, in Shanghai akzeptiert sogar der Fruchtverkäufer am Strassenrand mit seinem hölzernen Gestell voller Orangen die Bezahlung per 支付宝 (Zhi Fu Bao, Alipay) auf dem Handy. Seit Jahren fahren die Menschen auf ihren 电动车 (Dian Dong Che, Elektroroller) durch die weiten, flachen Strassen der Stadt. So werden auch Pakete, Nudelgerichte und Blumen nach Hause geliefert. Und wenn der Elektroroller zu unhandlich ist, dann balanciert man eben per 单轮 (Dan Lun, Monowheel) durch die Fussgängerzone. All dies erstaunt insbesondere, wenn man bedenkt, dass in Shanghai vor 40 Jahren noch viele Waren auf Karren von Menschen durch die Strassen gezogen wurden.

In dieser spannenden Stadt konnte ich fünf Monate in der Entwicklung arbeiten. ABB betreibt einen der weltweit wichtigsten Standorte im Robotik – Geschäft in Shanghai PuDong. Es gibt eine Fabrik zur Herstellung von Robotern und dazu ein grosses Entwicklungsteam, welches kontinuierlich wächst. Mit einem chinesischen Kollegen zusammen habe ich dort eine Applikation für Kunden aus der Logistik entwickelt. Zuerst klärten wir zusammen mit der entsprechenden Business Unit die Marktbedürfnisse ab und verfassten eine “Product Requirement Specification”. Danach verbrachten wir viele Tage und auch Abende am Computer in der lärmigen Testumgebung, wo wir in vier verschiedenen Programmiersprachen die Applikation zusammenbauten und dann ausgiebig testeten. Zu Beginn schafften wir kaum mehr als 20 Durchgänge, bevor wir wieder einen Fehler entdeckten. So machte der Roboter beispielsweise eine unzulässige Bewegung, die Rekonstruktion der 3D-Daten funktionierte nicht oder es tauchte ein neuer Spezialfall auf, den wir noch nicht gesehen hatten. Also musste er erneut in die Überarbeitung. Doch steter Tropfen höhlt den Stein und Dranbleiben zahlt sich aus. Die Qualität verbesserte sich kontinuierlich und im April hatten wir dann plötzlich 1000 Durchgänge erfolgreich absolviert und waren damit schon nahe am Ziel. Wir beendeten die Entwicklung fristgerecht und reichten diese stolz bei der Geschäftseinheit ein.

Ich mit dem ABB IRB4400 Roboter © Claudio Ruch
Ich mit dem ABB IRB4400 Roboter © Claudio Ruch

Damit ging ein für mich sehr lehrreicher Aufenthalt zu Ende. Ich habe während der Zeit in China zwei Programmiersprachen dazugelernt, einen tiefen Einblick ins Geschäft mit der mechanischen Automatisierung gewonnen und viel über die ostasiatische Kultur gelernt. Auch meine Chinesisch-Kenntnisse haben sich dank der vielen investierten Stunden weiterentwickelt: Bei der Ankunft stellte ich mich noch mit einem einfachen 你好 (Ni Hao, hallo) vor und bei der Abreise konnte ich schon mit jedem der Kollegen eine Unterhaltung in deren Landessprache führen.

Roboter heisst im Chinesischen übrigens 机器人 (Ji Qi Ren), was so viel heisst wie Maschinen-Mensch. Ein weiteres Beispiel dafür, wie in China Technologie aufgenommen und verinnerlicht wird. Ich denke, es werden in den nächsten Jahren viele spannende Dinge in dieser Gegend der Welt entstehen.

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Über den Autor

Claudio Ruch

Ich habe im Bachelor Maschinenbau an der ETH Zürich studiert. Danach absolvierte ich ebenfalls an der ETH das interdisziplinäre Masterstudium „Robotics, Systems and Control“ mit Spezialisierung auf Regelungstechnik. Während dem Studium entwickelte ich in einem Team von ETH- und ZHDK-Studierenden eine neue Drohne in Zusammenarbeit mit dem „Disney Research Zürich“ und dem „Autonomous Systems Lab“ der ETH. Danach beschäftigte ich mich mit Regel-Algorithmen für Fahrradverleihstationen in Städten und arbeitete auch an einem autonomen Fahrzeug mit einer Gruppe von Forschern an der „University of California in Berkeley“, USA. Als Trainee bei ABB Schweiz war ich in meinem ersten weltweiten Projekt für ein „Operational Excellence“ Projekt verantwortlich im Produktbereich gasisolierte Schaltanlagen. Nun arbeite ich in der Geschäftsfeldentwicklung für Niederspannungsprodukte. Ich reise gerne, geniesse kulturelle Vielfalt, spreche fünf Sprachen und verbringe so viel Freizeit wie möglich draussen.
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