Werksabnahme im 21. Jahrhundert

© ABB

Was verbirgt sich hinter dem Begriff „Remote Factory Acceptance Test“? Kurz – es ist die Werksabnahme im 21. Jahrhundert.

Ich habe mein Trainee-Programm bei ABB als Projektleiter für den “Remote Factory Acceptance Test” (RFAT) begonnen. Was sich hinter dem Begriff verbirgt und warum diese Aufgabe so spannend war, steht in diesem Blogbeitrag.

Gasisolierte Schaltanlagen vom Kauf bis zur Auslieferung

Mein Heimbüro war in Oerlikon an der Brown-Boveri-Strasse 5. Die dort ansässige Produktgruppe organisiert weltweit das Geschäft der gasisolierten Schaltanlagen und Generatorschaltern. Bei gasisolierten Schaltanlagen sind die spannungsführenden Teile von SF6-Gas umschlossen – einem Gas mit sehr hoher Durchschlagsfestigkeit. Aufgrund der Eigenschaft des Gases lassen sich die gasisolierten Schalter viel kompakter gestalten als luftisolierte Schaltanlagen. Somit können die Schaltanlagen auch inmitten von dicht bevölkerten Städten untergebracht werden, im Leistungsschwerpunkt des Stromnetzes – wo Schaltanlagen idealerweise stehen sollten, der Platz aber auch sehr teuer ist.

275kV gasisolierte Schaltanlage von ABB © ABB
275kV gasisolierte Schaltanlage von ABB © ABB

Wenn ein Kunde bei ABB eine gasisolierte Schaltanlage kauft, so ist dieser Prozess in viele Schritte unterteilt. Nach der Ausschreibung folgen das Angebot und der Vertragsabschluss. Danach wird die Anlage gemäss dem Vertrag entwickelt und ausgestattet. Schliesslich kann die Produktion beginnen und nach deren Abschluss folgt die so genannte Werksabnahme, der „Factory Acceptance Test“ auf Englisch. Bei dieser Werksabnahme reist der Kunde traditionellerweise in die Fabrik und wohnt den Routine Tests gemeinsam mit dem Projektleiter bei. Nach erfolgreichem Abschluss segnet der Kunde die Auslieferung der Anlage an die Baustelle ab.

Die Werksabnahme

Die Werksabnahme ist ein grosser, wichtiger und auch etwas emotionaler Anlass. Schliesslich wird die Anlage, welche monatelang nur auf Plänen existierte, plötzlich in die Wirklichkeit geboren. Die zu bestehenden Tests sind anspruchsvoll und hohe Qualitätsanforderungen müssen erfüllt werden. Der ABB-Projektleiter, die Prüfer und die Kunden verbringen Stunden oder sogar Tage in der Fabrik auf der Produktionslinie und beobachten Messwerte und Grafiken auf Prüfgeräten, den Testaufbau und die Schaltanlagen selber. Oft reisen die Kunden auch von fernen Ländern an. Einige geniessen neben dem dichten Testprogramm auch ihre Freizeit im Gastland, andere waren schon sehr oft da und fokussieren auf einen schnellen Abschluss.

Remote – die Werksabnahme des 21. Jahrhunderts

Diesen „Factory Acceptance Test“ – kurz FAT – sollte ich durch ein R für „remote“ erweitern und zum RFAT zu machen. Dieser „Remote Factory Acceptance Test“ ist eine weitere Innovation von ABB und sozusagen die Anpassung des traditionellen FAT ans 21. Jahrhundert. Dabei werden die Prüffelder auf der Produktionslinie mit Kameras und anderen Geräten ausgestattet. Diese generieren Aufnahmen von sämtlichen prüfrelevanten Inhalten, also Stellungsanzeigen, Angetrieben, Übersichten, Prüfgeräten und Prüfbildschirmen und senden sie live zu Servern. Die Server leiten die Live-Streams weiter und zeigen sie dem Kunden in einer eigens von ABB entwickelten Online-Applikation.

Prüfer Carsten Grün aus Hanau, ABB Deutschland bei einem RFAT © Claudio Ruch
Prüfer Carsten Grün aus Hanau (ABB Deutschland) bei einem RFAT © ABB

Diese Anpassung ändert das Gesicht des FATs komplett. Dank dieser Technologie kann der Kunde in einem bequemen Kundenraum in der Fabrik am Beamer alle relevanten Ansichten zusammen mit dem Projektleiter verfolgen. Aus dem Lautsprechertelefon auf dem Tisch hört er die Schaltgeräusche und der Prüfer kommentiert den Testablauf und das erfolgreiche Bestehen. Doch der Kunde kann die Tests nicht nur bequem in einem Büroraum der Fabrik verfolgen, er kann sich auch entscheiden, gar nicht in die Fabrik zu reisen. Mithilfe der RFAT-Technologie kann er die Werksabnahme von überall auf der Welt verfolgen, sei es in seinem Büro oder in seinem Zuhause.

Mein erster RFAT

In meiner Funktion als Projektleiter habe ich die Prozesse und die Technologie des RFAT fertig entwickeln lassen und dann in allen GIS-Produktionsstandorten von ABB in der Welt eingeführt. Die Reise führte durch fünf verschiedene Länder und beinhaltete viele Trainings sowie unzählige Probeläufe. Manchmal klappte alles sehr gut, manchmal weniger. Die Arbeit war sehr vielfältig, erforderte jedoch viel Geduld, Koordination und Fleiss.

Ich kann mich noch gut an den ersten richtigen RFAT mit einem echten Kunden erinnern. Ich war zusammen mit dem Chef der Softwareentwicklung in Indien. Der GIS-Projektleiter sass zusammen mit einem russischen Kunden im ABB-Kundenraum in Hanau, Deutschland. Der Prüfer war auf der Produktionslinie ebenfalls am gleichen Standort. Weitere Personen nahmen von Jekaterinburg und von Moskau aus an der Tests teil. Wir waren alle über eine Telefonkonferenz verbunden und beobachteten die Tests. Natürlich war ich extrem angespannt und ging mit dem Laptop in der Hand und dem Headset auf dem Kopf im Raum nervös auf und ab. Als schliesslich die ersten Tests erfolgreich verliefen und die Kunden zufrieden mit den Ergebnissen waren, freute ich mich sehr und natürlich war ich auch erleichtert.

Anfang April 2015 habe ich meine Aufgabe in meiner ersten Trainee-Station abgeschlossen und den ersten Schritt der RFAT Implementierung an allen GIS-Produktionsstandorten auf der Welt beendet, also in Deutschland, China, Indien, Saudi-Arabien und der Schweiz. Das Projekt wurde an die Verantwortlichen für den regulären Betrieb übergeben und ich widme mich nun einer neuen Herausforderung – aber nicht, ohne mich ab und zu wieder aus der Ferne einzuloggen und mit viel Begeisterung und auch etwas Wehmut einem RFAT beizuwohnen.

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Über den Autor

Claudio Ruch

Ich habe im Bachelor Maschinenbau an der ETH Zürich studiert. Danach absolvierte ich ebenfalls an der ETH das interdisziplinäre Masterstudium „Robotics, Systems and Control“ mit Spezialisierung auf Regelungstechnik. Während dem Studium entwickelte ich in einem Team von ETH- und ZHDK-Studierenden eine neue Drohne in Zusammenarbeit mit dem „Disney Research Zürich“ und dem „Autonomous Systems Lab“ der ETH. Danach beschäftigte ich mich mit Regel-Algorithmen für Fahrradverleihstationen in Städten und arbeitete auch an einem autonomen Fahrzeug mit einer Gruppe von Forschern an der „University of California in Berkeley“, USA. Als Trainee bei ABB Schweiz war ich in meinem ersten weltweiten Projekt für ein „Operational Excellence“ Projekt verantwortlich im Produktbereich gasisolierte Schaltanlagen. Nun arbeite ich in der Geschäftsfeldentwicklung für Niederspannungsprodukte. Ich reise gerne, geniesse kulturelle Vielfalt, spreche fünf Sprachen und verbringe so viel Freizeit wie möglich draussen.
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