Wir erleben eine grundlegende Transformation

© ABB

Manchmal passen Dinge, die auf den ersten Blick nicht viel gemein haben, erstaunlich gut zusammen.

Die Woche vom 2. bis zum 6. März war für mich ein Beispiel dafür. Am Anfang stand der Auftakt der Veranstaltungsreihe „Momentum for Europe“ der Europäischen Investitionsbank in Berlin. Hinter dieser Reihe steht der Investitionsplans des Kommissionspräsidenten Jean-Claudie Juncker. Ich hatte die Gelegenheit, an einer Podiumsdiskussion zur Innovationskraft Europas teilzunehmen. Die Keynote zu dieser Diskussion gab Jeremy Rifkin unter Bezug auf sein jüngstes Buch „Die Null-Grenzkosten-Gesellschaft“. Er führt darin aus, dass wir uns aufgrund einer fundamental neuen Konstellation bei Energieversorgung und Informationstechnik inmitten einer Revolution – der dritten Industriellen Revolution – befinden.

Während der Podiumsdiskussion, bei der es natürlich um die Unterschiede zwischen Europa und Amerika und die dortige, ausgeprägte Chancenorientierung ging, erklärte er sehr deutlich, dass er den seiner Meinung nach kurzfristig-opportunistischen Schiefergas-Boom für einen gravierenden Fehler Amerikas halte, der dem Land eine verlorene Dekade im Vergleich zu Europa bescheren werde, wo man frühzeitig begonnen habe, auf die Zukunft umzustellen.

Szenenwechsel – von der europäischen Finanz- und Politik-Bühne ins beschauliche, winterlich-sonnige Schwetzingen, zum 13. Schwetzinger Energie-Dialog der ABB und damit zu den Betroffenen der so gelobten Vorreiterpolitik: Bei der Vorbereitung des Dialogs hatten wir die Idee, nach der erfolgreichen Integration von immerhin fast 30 Prozent erneuerbarer Energie in die deutsche Elektrizitätsversorgung das Geschehene einmal an Expertenmeinungen aus der ferneren und jüngeren Vergangenheit zu spiegeln.

Im Gespräch mit Lisann Krautzberger von Next Kraftwerke GmbH © ABB
Im Gespräch mit Lisann Krautzberger von Next Kraftwerke GmbH © ABB

Jeder kennt ja die legendären Fehleinschätzungen, dass beispielsweise in Privathaushalten kein Bedarf für Computer herrsche – aber gibt es solche Irrtümer auch in der gründlich arbeitenden Energieversorgung mit ihren bekannt langen Zeitkonstanten?

Um es kurz zu machen: Es gibt sie – und zwar nicht zu knapp und mit teilweise gravierenden Konsequenzen! Eine erleben wir gerade: Hätte man nach der Großstörung im November 2006 nicht nur Windenergie abschaltbar gemacht, sondern auch die vermeintlich marginale Photovoltaik, bräuchten wir uns heute keine Sorgen wegen der partiellen Sonnenfinsternis am 20. März zu machen. Was hat das mit der Überschrift zu tun? Nun, wenn Experten Schwierigkeiten haben, aus ihrer Erfahrung tragfähige Konzepte für die Zukunft abzuleiten, liegt das meistens daran, dass der Erfahrungsrahmen nicht mehr gilt – man also in einer grundlegend neuen Umgebung operiert. Die Stimmung in Schwetzingen war im Übrigen durchaus so, dass man schließen konnte, dass den Teilnehmern bewusst ist, dass sie sich inmitten einer solchen fundamentalen Veränderung befinden.

Von Schwetzingen zurück nach Europa – genauer zu einer Brüsseler Veranstaltung mit dem Namen Energy Forecast Summit 2015: Die Teilnehmer kamen diesmal aus der europäischen Energiewirtschaft, aus der Energiepolitik und der Wissenschaft – ein breit aufgestelltes und hochrangiges Fachpublikum also.

Die Diskussionen setzten sich konstruktiv-kritisch mit dem Klimawandel, den Zielen zu seiner Bekämpfung und den nach Ansicht der Redner durchaus gravierenden Mängeln der Förder- und Anreizpolitik auseinander – in hoher Qualität und mit dem erkennbaren Willen, dass man es besser machen solle. Und dennoch fehlte etwas – und das wurde deutlich, als in der vorletzten Diskussionsrunde ein Vertreter der Global Unit Next Generation von E.ON sprach – wohl dem Unternehmen der „alten“ Energiewirtschaft, das die radikalste Konsequenz aus dem gezogen hat, was wir gerade erleben.

Um es kurz zu sagen: Er betonte, dass keine der Voraussagen aus den zurückliegenden fünf Jahren nur ansatzweise getroffen habe – weder zur Kostenentwicklung der Photovoltaik, noch zum Ölpreis oder zur Entwicklung der Strommärkte. Und deshalb reicht es nicht mehr, erfahrungsbasiert die Zukunft durch Extrapolation vorhersagen zu wollen, sondern man muss in radikal unterschiedlichen Szenarien denken und sich darauf konzentrieren, rechtzeitig zu erkennen, welches davon am wahrscheinlichsten eintritt – oder vielleicht ein weiteres, nicht bedachtes.

Zurück zum Anfang: Eine Woche, drei höchst unterschiedliche Veranstaltungen, ein Thema: Die elektrische Energieversorgung befindet sich in einem tiefgreifenden Umbruch, der nicht mehr von der Förderpolitik einzelner Länder abhängt, sondern vom technischen Fortschritt getragen wird (wie im Übrigen auch die erste und die zweite industrielle Revolution). Wir werden neue Werkzeuge und Denkansätze benötigen, um damit umzugehen!

Angeregte Diskussionen auf dem 13. Schwetzinger Energie-Dialog © ABB
Angeregte Diskussionen auf dem 13. Schwetzinger Energie-Dialog © ABB
Kategorien and Tags
Über den Autor

Jochen Kreusel

I lead the Industry Segment Initiative "Smart Grids" in ABB and I am a member of the Steering Committee of the European Technology Platform for Electricity Networks of the Future – short ETP Smart Grids. From 2008 to 2013, I was Chairman of the Power Engineering Society of VDE. Furthermore, I am an honorary professor at the RWTH Aachen and one of the four Vice presidents of T&D Europe, the European Association of the Electricity Transmission and Distribution Equipment and Services Industry, in charge of Energy Policy and chair of T&D Europe’s Energy Policy Working Group.
Kommentiere diesen Blogbeitrag