So macht ABB Stromspeicher zu Schwarmspeichern

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Barbara Dörsam erklärt im Interview, wie sie Stromspeicher netz- und marktdienlich in virtuelle Kraftwerke integriert.

Vor knapp drei Monaten traf ich Barbara Dörsam von der ABB-Tochter Ventyx auf der Hannover Messe. Wir kamen direkt ins Gespräch über Sinn und Unsinn dezentraler Solarstromspeicher zur Integration erneuerbarer Energien in das Stromnetz. Jetzt wollte ich das vorangegangene Gespräch weiter vertiefen und habe nochmals nachgefragt. ABB hat auch hier kreative Ideen und arbeitet bereits an der Umsetzung.

Frau Dörsam, als die Bundesregierung zu Beginn des letzten Jahres ein Förderprogramm für Solarspeicher initiierte, ließ die Kritik nicht lange auf sich warten. So sprach Hildegard Müller, Chefin des Bundesverbands für Energie- und Wasserwirtschaft BDEW, von einer „nicht durchdachten Doppelförderung“ für Solarbetreiber. Und auch Felix Matthes vom Öko-Institut kritisierte das Förderprogramm als „teuren Unsinn“. Der Einwand der Experten: Solarspeicher werden nicht gesteuert, um die schwankende Erzeugung von Sonnenstrom auszubalancieren, sondern um den Eigenverbrauch privater Haushalte zu steigern. Dadurch können sie sogar für Störungen im Stromnetz sorgen, da die Anlagen häufig dann den Strom an Hausgeräte abgeben, wenn Überkapazitäten im Netz vorhanden sind.

Ist diese Kritik berechtigt? Wie würde Ventyx das Problem lösen?

Barbara Dörsam: Die Kritik ist nicht von der Hand zu weisen. Speichertechnologien können nur einen wichtigen Beitrag zur Integration von erneuerbaren Energien in das Stromnetz leisten, wenn sie durch innovative Konzepte intelligent in die Netze integriert werden. Die Förderprogramme sollten daher nicht nur primär die Marktdurchdringung kleiner Batteriespeicher unterstützen, sondern vielmehr Anreize geben, etwas größere Ortsnetzspeicher in smarte Lastmanagementprogramme oder Smart Grid Konzepte der Verteilnetzbetreiber einzubinden.

Das Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme (ISE) zeigt in seiner „Speicherstudie 2013“, dass man durch eine spezielle Laderegelung Stromspeicher netzdienlich betreiben kann. Die ISE-Forscher fordern daher, dass Stromspeicher nur dann gefördert werden sollten, wenn sie genügend freie Kapazität vorhalten können, um bei Lastspitzen wie z. B. mittags noch Strom aus dem Netz aufnehmen zu können und, um bei Netzbezugsspitzen wie z. B. am Abend Strom ins Netz abgeben zu können.

Was halten Sie von diesem Vorgehen? Beschäftigt sich ABB auch mit der Steuerung von Stromspeichern?

Barbara Dörsam: Zunächst sollte man sich vor Augen halten, dass Speicher derzeit noch nicht die wirtschaftlichste Option sind, um mehr erneuerbare Energie in Netzen aufzunehmen. Damit sie durch Skaleneffekte billiger werden, befürworte ich einen universellen Einsatz von Speichertechnologien, d.h. standardisierte Komponenten. Bei ABB beschäftigen wir uns bereits seit einiger Zeit mit der Steuerung von Energiespeichern für netzdienliche und marktdienliche Zwecke. Die Steuerung der Speicher direkt am Gerät und die „Einsatzplanung“ durch ein virtuelles Kraftwerk müssen hier Hand in Hand gehen.

Im Bereich Demand-Response-Technologien, die das Gleichgewicht zwischen Stromverbrauch und -angebot gewährleisten, verfügen wir über Lösungen für alle Dimensionen. Als einer der wenigen Softwareanbieter hat unsere Demand Response-Lösung bereits heute das Potenzial, kleine Lasten und Erzeugungseinheiten als Elemente in virtuellen Kraftwerken zu integrieren, was eine Nutzung von Energiespeichersystemen im großen Umfang erst ermöglicht.

Für private Nutzer von Photovoltaikanlangen wird die Speicherung aber erst interessant, wenn sie Strom für ca. 10 Cent pro kWh speichern können, anstatt diesen für durchschnittlich 25 bis 30 Cent pro KWh vom Stromlieferanten zu kaufen.

Ein weiterer Ansatz, Stromspeicher netzdienlich einzubinden, ist deren Kombination zu einem “Schwarm”. Die Zusammenschaltung tausender Batterien soll gezielt genutzt werden, um dann Strom ins Netz abzugeben, wenn dieser gebraucht wird und Strom aufzunehmen, wenn zu viel Strom im Netz ist. Die Stromspeicherbesitzer können dann u. U. die Erstattung von vermiedenen Netznutzungsentgelten geltend machen oder von einer Vermarktung überschüssigen Stroms an den Spotmärkten profitieren. Ein weiterer Vergütungsansatz ist, über den Zusammenschluss von Stromspeichern, Regelenergie bereitzustellen. Kritiker bezweifeln allerdings, dass sich Stromspeicher derart nutzen lassen.

Auf der Hannover Messe deuteten Sie an, dass ein solches Schwarmspeicherkonzept durchaus machbar sei. Wie soll das funktionieren?

Barbara Dörsam: Schwarmspeicherkonzepte könnten eine neue Ära der Stromspeicherung einleiten. Die Software, die den Schwarm steuert, müsste keineswegs neu programmiert werden, da bereits ausgereifte IT-Lösungen zur Steuerung von dezentralen Lasten am Markt verfügbar sind. Dezentrale PV-Stromspeicher könnten als Element eines virtuellen Kraftwerkes beim EVU eingebunden und zur Optimierung der Eigenversorgung in Arealnetzen oder als Alternative zum klassischen Netzausbau eingesetzt werden. Leider scheitert die Umsetzung von Schwarmspeicherkonzepten noch an der Komplexität sowie fehlenden regulatorischen Rahmenbedingungen. Auch sind sie noch nicht wirtschaftlich.

Ich selbst bin immer wieder erstaunt, welche Komplexität sich hinter doch recht einfach klingenden Schlagwörtern wie “virtuelles Kraftwerk” oder “Schwarmspeicher” versteckt. Die Ideen hören sich ja immer super an, nur zur Umsetzung bedarf es absoluter Experten. Dass ABB sich diesen Themen widmet und schon heute an Lösungen für die nächste Stufe der Energiewende – die Integration der Erneuerbaren ins Stromnetz – arbeitet, gebührt mein Respekt. Vielen Dank, dass Sie mir für ein Interview zur Verfügung standen, Frau Dörsam, und viel Erfolg für Ihre weitere Arbeit.

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Robert Doelling schreibt als Gastautor für “Dialog” und arbeitet als Social Media Manager bei der DAA Deutsche Auftragsagentur GmbH in Hamburg und betreut unter anderem das Portal solaranlagen-portal.com.

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Über den Autor

Robert Doelling

Robert Doelling, Jahrgang 1976, hat Marketing an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel studiert und ist Autor des Fachbuches „Information Performance – Wie aus Kunden die besten Vertriebspartner Ihres Unternehmens werden“. Nach mehreren Jahren im Marketing und der Projektentwicklung im Bereich Geothermie leitet Robert Doelling heute die Social Media-Aktivitäten bei der DAA Deutsche Auftragsagentur GmbH in Hamburg und betreut unter anderem das Portal heizungsfinder.de. Privat engagiert sich Robert Doelling als Energieblogger für eine offene und vorurteilsfreie Kommunikation der unterschiedlichsten Facetten der Energiewende.
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